Staffellauf #8 von Dobrila Kontić • 23. September 2021
Es ist inzwischen das meistgenannte Problem, wenn es ums Streaming geht: Die Titel-Auswahl ist zu groß, wir scrollen uns je nach Anbieter durch eine Unmenge an neuen Eigenproduktionen und einen stetig wachsenden Back-Katalog, bevor wir schließlich immer häufiger aufgeben, gar nichts schauen oder zu Altbewährtem greifen (wie Arabella schon in der Kolumne zum „Comfort Binge“-Phänomen beschrieb). Einem Nielsen-Report von 2019 zufolge dauert dieser quälende und letztlich erfolglose Auswahlprozess acht bis zehn Minuten bei den 18- bis 49-jährigen, während ältere Nutzer*innen schon nach fünf Minuten das Handtuch werfen (Quelle).
Kurz vor der Resignation
Wie überfordert wir mit der Suche nach dem richtigen Film, der richtigen Serie sind, wurde auch deutlich, als Netflix Anfang dieses Jahres eine „Shuffle Play“-Funktion ankündigte. Wie beim Musik-Streaming soll man künftig einfach durch Betätigung eines entsprechenden Buttons die Entscheidung, was als Nächstes abgespielt wird, dem Dienstleister überlassen. Ich erwischte mich dabei, das für eine gute Idee zu halten – bis ich mich erinnerte, was Streaming zu Beginn so reizvoll machte: Endlich konnte man selbstbestimmt und nach individuellen Interessen Filme und Serien schauen, fernab von zeitlichen und inhaltlichen Beschränkungen des linearen Fernsehens. Wenn wir uns jetzt der Shuffle-Funktion überlassen, kommt das einer völligen Abkehr von diesem Ideal gleich – einfach nur, weil uns die Auswahl überfordert.
Meine Watchlist: Zwischen vergangenen Hypes und flüchtigem Stimmungsbild
Dabei hat doch jeder Streamingdienst eine Funktion, die uns die selbstbestimmte Auswahl bereits erleichtert: die Merkliste! Bevor Du müde abwinkst, eine kurze Testfrage: Könntest Du – ohne reinzuschauen – aufzählen, welche Titel Deine aktuelle Watchlist auf Netflix / Prime Video / Sky etc. enthält? Nein? Geht mir genauso. Um ehrlich zu sein, wusste ich vor der Vorbereitung dieser Kolumne nicht einmal, wie viele Titel ich in diese doch bewusste Vorauswahl gepackt habe. Ganze 129 waren es auf meiner Netflix-Watchlist, die bekanntlich absteigend nach dem „Zuletzt hinzugefügt“-Prinzip sortiert ist. Bei den oberen Reihen wusste ich noch recht genau, wann und wieso Videos dort gelandet sind, aber je weiter ich nach unten scrollte, desto verwunderter war ich: Warum wollte ich die Serie „Sick Note“ schauen? Wieso sind da noch 16 bereits geschaute Titel auf meiner Watchlist? Und was zum Teufel ist „Mucho Mucho Amor“?
Während ich mich durch meine Watchlist wühlte, wurde mir immer klarer, dass sie mehr ist als eine vage Absichtserklärung: Sie steckt voller einstmals stark gehypter Eigenproduktionen, spiegelt aber auch flüchtige eigene Stimmungen oder nur temporäre Sehinteressen wider. Nachdem ich „Narcos: Mexico“ zu Ende geschaut habe, fiel mir wohl das Loslassen dieses kriminellen Milieus schwer, weshalb auch „El Chapo“ auf meiner Liste landete – nun, Monate später, ist das Interesse abgeflaut. Und dann gibt es noch Titel, die ich nie ernsthaft schauen wollte, etwa den Film „Small Crimes“: Die Hauptrolle spielt „Game of Thrones“-Veteran Nikolaj Coster-Waldau und ich kann mir nur vorstellen, dass Netflix mir diese Eigenproduktion so lange algorithmisch aufgedrängt hat, bis ich sie auf die Liste gepackt habe.
Netflix‘ eigener Schätzung zufolge gehen ungefähr 75% des tatsächlich Geschauten auf ihre algorithmischen Empfehlungen zurück, und diese generieren sich wiederum auch aus den Titeln, die wir auf die Watchlist packen (und vielleicht niemals anschauen). Wer sich also über öde Empfehlungen wundert, täte gut daran, die eigene Watchlist auszumisten.
Ziel: Überschaubar und ehrlich
Und genau das habe ich nach der Begutachtung meiner Merkliste getan. Zunächst habe ich bereits Geschautes entfernt und dann Marie-Kondo-like alles abgehakt, was mir beim erneuten ersten Anblick keine Freude bereitet beziehungsweise keinerlei Interesse (mehr) in mir weckt. Dabei stellte sich schnell die Frage, wie viele Titel eine ideale Watchlist enthalten sollte, wenn sie das Problem des Überangebots und der erfolglosen Suche lösen sollte. Die Lösung pendelt sich für mich so bei ca. 15 ein. Genau diese Anzahl an Titeln kann ich bei meiner Watchlist-Darstellung auf Netflix ohne Gescrolle erfassen. Hinzu kommt meine Schau-Erfahrung außerhalb des Streaming: Ungefähr 15 bis 20 Filme starten aktuell wöchentlich in den deutschen Kinos – und da fällt mir die Auswahl nie schwer. Und letzten Endes sollte meine Watchlist nichts anderes darstellen als ein reizvolles und nach persönlichem Geschmack zusammengestelltes Heimkinoprogramm. Damit es bei den überschaubaren 15 Titeln bleibt, werde ich mich an den gängigen Ausmist-Tipp halten und einen neuen Titel nur aufnehmen, wenn ein alter dafür gehen kann.
Am Ende siegt zeitloses Interesse
Die Watchlist auf diese 15 Titel zusammenzustutzen, fiel mir anfangs schwer, wurde danach aber immer leichter und befreiender. Einen Titel zu entfernen, heißt ja keineswegs, dass ich ihn niemals schauen würde – und die Angst, ihn gänzlich zu vergessen, wich bald der Gewissheit, dass mich alles, was tatsächlich mein Interesse weckt, früher oder später wieder erreichen wird. Wohlgemerkt: Es geht um ein anhaltendes und zeitloses Interesse, fernab von aktuellen Trends und Serien, die gerade das größte Gesprächsthema im Bekanntenkreis sind, aber deren Erzählprämissen eine*n persönlich kalt lassen. Das ist es, was man letzten Endes mit einer wohlkuratierten persönlichen Watchlist erreichen kann: Eine Abkehr von FOMO beziehungsweise dem Gefühl, wirklich überall mitreden zu müssen. Und eine aufrichtige Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschmack: So ist beim zweiten Blick „Mucho Mucho Amor“, eine Doku über Walter Mercado, den berühmtesten Astrologen Lateinamerikas, der am Höhepunkt seiner Karriere spurlos verschwand, auf meiner nun spartanischen Watchlist geblieben – unfassbar, dass so etwas Flamboyantes fast in der Masse untergegangen wäre!