Staffellauf #94 von David Reiter • 13. März 2026
Wie oft habt ihr euch das schon gesagt? „Dafür bin ich heute echt nicht in Stimmung“...
Ich sage es ständig.
Zu Dokus über schwierige Themen, zu Formaten, die ich nicht sofort einordnen kann, zu Serien, die lang sind, zu Filmen, die zu ruhig erzählt sind und bei denen ich schon beim Lesen der Beschreibung denke: heute nicht.
Ich antizipiere meine Gefühlslage – und filtere vorher aus, was nicht passt. Das Problem: Ich liege dabei erstaunlich oft falsch.
Der Algorithmus, den wir selbst betreiben
Wir reden in unseren Texten oft über „den Algorithmus“. Gemeint ist dabei meistens die technische Zusammenstellung von Empfehlungen basierend auf unserem Verhalten oder dem von anderen. Wir beschweren uns dann darüber, wie er uns in Filterblasen treibt und uns immer mehr vom Selben zeigt. Zu Recht.
Was wir eher seltener bis gar nicht besprechen: den Algorithmus, den wir selbst betreiben. Im eigenen Kopf. Jeden Abend.
Er funktioniert nach einer simplen Logik: aktuelle Stimmung rein, passender Inhalt raus. Alles andere fliegt raus. Klingt effizient. Ist es auch – und genau das ist das Problem.
Denn Inhalte können uns an Orte tragen, wo wir vorher gar nicht hinwollten – und wo es uns eigentlich guttäte. Sie verändern unseren Bezug zur zuvor angenommenen Stimmung, weil auf einmal eine Geschichte dazwischen steht, die uns auf so viel mehr Ebenen ansprechen kann. Oder weil wir mit einer Erwartung rein und mit einer anderen wieder rausgekommen sind.
Wer sich vorher schon dagegen entschieden hat, erfährt das nie.
Die Selbstschutz-Falle
Irgendwann haben wir angefangen, unsere Abende zu managen wie knappe Ressourcen – was bei einem Kleinkind zugegebenermaßen nicht ganz falsch ist. Aber dieser Kontrollreflex überträgt sich auch aufs Inhaltliche. Wir schützen uns vor potenziellen Enttäuschungen, vor zu viel Emotion, vor Untertiteln wenn wir müde sind, vor allem was Konzentration verlangt.
Das Ergebnis: Wir schauen immer öfter das, was uns am wenigsten kostet. Und wundern uns, warum wir uns danach nicht wirklich erholt fühlen.
Was ein Mensch kann, das ein Algorithmus nicht kann
Meine Frau ist Künstlerin. Das erklärt, wie „The Outstanding Artist“ – eine Kunst-Competition-Show auf Youtube – zu unserem Freitagabendritual geworden ist. Zwölf Teilnehmerinnen, jede an einer Staffelei, mit Zeitdruck und meinungsstarken Judges. Hätte ich mir das selbst ausgesucht? Nie im Leben.
Ich wäre da allein nicht drauf gekommen. Kein Algorithmus dieser Welt hätte mir das vorgeschlagen – und wenn doch, hätte ich es ignoriert. Es brauchte jemanden, der mich kennt und mir etwas zutraut, das ich mir selbst nicht zugetraut hätte.
Mittlerweile läuft Staffel 4. Inzwischen schaufele ich mir den Freitag dafür frei, um künstlerische Techniken erklärt zu bekommen und ganz nebenbei selbst wieder anders auf Kunst an der Wand zu schauen.
Nach dem Schauen fühlen wir uns lebendiger als vorher.
Was mich an der Tatsache besonders fasziniert, dass ich mir das Realityformat allein nicht angemacht hätte und es nun doch schaue: Meine Frau schaut im Anschluss noch weiter.
Für sie läuft nach der Folge manchmal noch die Nachbesprechung, in der die Macher*innen mit einigen Teilnehmerinnen die Folge sezieren. Das brauche ich dann nicht mehr. Trotzdem haben wir denselben Abend geteilt – nur in zwei verschiedenen Tiefen.
Eine gute Empfehlung muss gar nicht perfekt passen. Sie muss nur gut genug sein, damit man den ersten Schritt macht. Den Rest erledigt der Inhalt selbst.
Genau das schafft menschliche Kuration. Ein guter Freund, eine gute Freundin oder eine vertraute Online-Stimme *hust* schlägt euch etwas vor, das euch aus der Komfortzone herausbringt – weil sie weiß, dass der Inhalt wirklich was mit euch machen kann. Und weil genau dieses Gefühl von eurem inneren Algorithmus gnadenlos aussortiert worden wäre.
Alles, was ihr braucht: Zuversicht.
Die Watchlist als Beweisstück
Es gibt noch eine andere Form des Stimmungs-Algorithmus, die wir alle kennen: die Watchlist. Wir merken uns gute Titel für die richtige Stimmung.
„Wenn der richtige Moment kommt“ ist eine schöne Idee – nur kommt er beim Streaming meistens nicht. Er wird erwartet, aufgeschoben und schließlich lautlos vertagt.
Ein Blick in meine Watchlist fühlt sich in etwa so inspirierend an wie der Turm ungelesener Bücher auf meinem Nachttisch. Hinter jedem Titel steckte mal eine echte Absicht. Heute schaut er mich nur noch vorwurfsvoll an.
Alle Titel auf meiner Merkliste sind seit Monaten und Jahren am Verstauben, denn der „Dafür bin ich heute echt nicht in Stimmung“-Status bleibt einfach.
Es besteht keine Dringlichkeit und es gibt niemanden, der mich anspornt.
Die beste Entdeckung ist die, die wir allein nie getroffen hätten
Staffel 1 von „The Outstanding Artist“ habe ich übrigens erst nachgeholt, nachdem ich schon in Staffel 3 drin war. Und sie ist meine liebste geworden – ausgerechnet. Weil dort noch so vieles am Entstehen ist. Man sieht, wie das Format noch nach sich selbst sucht. Das hat etwas Ehrliches.
Vielleicht gilt das auch für uns als Zuschauer*innen. Die besten Abende passieren oft dann, wenn wir noch nicht zu entschlossen waren.
Wenn jemand anderes für uns die Vorauswahl übernommen hat, der uns wirklich was zutraute – und wir mutig ins kalte Wasser gesprungen sind.
Die Frage an euch
💬 🍿 Weiter geht's in der Shelfd Streaming-Community:
- Wie viel Kontrolle über euren Abend ist eigentlich gesund – und ab wann wird sie zur Bremse?
- Streamt ihr gerade das, was ihr braucht – oder das, was euch am wenigsten abverlangt?
- Ist eure Watchlist noch ein Spiegel dessen, wer ihr seid – oder eher ein Archiv dessen, wer ihr mal sein wolltet?
Bringt euch mit ein in die Diskussion.
Happy Streaming,
David
