Von Dobrila Kontić
Darum geht es in „Twin Peaks“
35 Jahre ist es her, dass Angelo Badalamentis zugleich zarte wie schwere Komposition in den heimischen Wohnzimmer ertönte und das Intro von „Twin Peaks“ über die TV-Geräte flimmerte: Eine Drossel auf einem Ast, ein mächtiger Wasserfall, funkensprühende Detailaufnahmen aus einem Sägewerk und ein „Welcome to Twin Peaks“-Schild (51.201 Einwohner*innen) präsentierte dieser Vorspann in Sepia-Tönen, darauf eingeblendet in giftgrüner Schrift die Namen der beiden Showrunner: Autor Mark Frost und die unvergessliche Regie-Ikone David Lynch (1946-2025).
Schon 1990 – Jahre, bevor HBO mit aufwendigen Produktionen das Goldene Serienzeitalter einläutete – machte die erste Staffel von „Twin Peaks“ im Free-TV vor, wie man das Potenzial seriellen Erzählens vollends ausschöpfen und mit etlichen Figuren, Nebensträngen und einem scheinbar zentralen Krimi-Plot zu Themen universeller Bedeutung gelangen kann.
Außergewöhnlich schien „Twin Peaks“ damals wie heute, denn Erzählstruktur und Motive ordnen sich keinem Genre vollends unter, sondern tänzeln nonchalant zwischen Krimi, Mystery, Horror, Comedy und Seifenoper umher und nehmen sich von allem ein bisschen.
Was diese Elemente eint, ist wiederum eine sie umgebende entwaffnende Eigenartigkeit, wie sie dem Fernsehpublikum bis dato selten zugemutet wurde – und ein Protagonist, mit dem wir dieses seltsame Örtchen Twin Peaks erkunden und lieben lernen: FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan).
Agent Dale Cooper im Figuren-Porträt

Ausgeprägtes Pflichtbewusstsein, kindliche Begeisterung
Es ist ein grausiger Fund, der Agent Cooper nach Twin Peaks im US-Bundesstaat Washington nahe der kanadischen Grenze lockt: Am Flussufer wurde die in Plastik eingewickelte Leiche der jungen Laura Palmer (Sheryl Lee) entdeckt und niemand scheint zu wissen, wer die allseits bekannte High-School-Schülerin ermordet haben könnte.
Während die Bewohner*innen von Twin Peaks noch unter Schock stehen und die örtliche Polizei im Dunkeln tappt, reist Agent Cooper an und dokumentiert via Aufnahmegerät für seine Sekretärin Diane akribisch seine Reise und die Umgebung – und letztere hat es ihm angetan: „Ich habe in meinem Leben noch nie so viele Bäume gesehen!“
Die Pilotfolge von „Twin Peaks“ etabliert sogleich eine interessante Gegensätzlichkeit im Auftreten von Agent Cooper: Auf den ersten Blick ist er mit seinem sorgsam gescheitelten, pomadisierten Haar und dem makellos sitzenden schwarzen Anzug ein gänzlich der Seriosität und Professionalität verschriebener FBI-Agent, der bei Ankunft auf der Wache von Sheriff Harry S. Truman (Michael Ontkean) einen ernsten Ton anschlägt und die Zuständigkeiten klärt: Das FBI übernimmt die Ermittlungen, aber Truman und seine Kollegen dürfen gern mithelfen.
Die äußerliche Akkuratesse findet sich auch in Coopers konzentrierter Ermittlungsarbeit wieder: An Lauras Leiche stellt er Spuren sicher, die auf einen ihm bekannten, nicht gefassten Serientäter schließen lassen und er weiß sofort, wie er Lauras aufmüpfigem Freund Bobby (Dana Ashbrook) im Verhör zu begegnen hat.
Nebenbei lässt er aber immer wieder eine kindliche Begeisterung über diesen Ort und dessen Einwohner*innen durchblitzen. Er erkundigt sich nach den Bäumen (Douglas-Tannen), die ihn so verzückt haben, genießt den Kirschkuchen, den er im Double R Diner serviert bekommt und nichts scheint er so sehr zu lieben wie eine „verdammt“ gute Tasse Kaffee, wobei er sich vorab für den ausgestoßenen Fluch in seinem Lob entschuldigt.
Die kleinen, unschuldigen Freuden sind von ungeheurem Wert für Agent Cooper, der im Laufe der düsteren Ermittlungsarbeit unzählige Donuts vertilgt – es ist schlicht unmöglich, „Twin Peaks“ ohne griffbereite Snacks zu schauen – und dann den Abend nicht etwa bei einem Whiskey, sondern einem Glas warmer Milch ausklingen lässt.

Der Traumwelt zugeneigt
Doch bei aller Regeltreue und Achtsamkeit beschränkt sich Agent Coopers Intellekt keineswegs nur aufs Weltliche und Materielle: Er hat großes Interesse an buddhistischer Philosophie, praktiziert transzendentale Meditation, horcht auf, wenn Deputy Hawk (Michael Horse) von Mythen der Native Americans erzählt und hat ein hohes Vertrauen in die Welt seiner Träume.
In diesen begegnet er einer Version von Laura Palmer in einem rot umhüllten Raum und scheint der Lösung des Falls so nah wie nie. Seine Offenheit für unkonventionelle Ermittlungsansätze teilt er sogleich mit Sheriff Trumans irritierter Truppe, die er versammelt, um Verdächtige mittels magischem Steinwurf auf eine Flasche auszumachen (bei weitem noch nicht das seltsamste, was in „Twin Peaks“ passiert).
Spätestens beim Stichwort „transzendentale Meditation“ werden Lynch-Bewanderte aufgemerkt haben und Parallelen zwischen Agent Cooper und dem Regisseur erkennen, der zeitlebens über die Notwendigkeit sprach, für den kreativen Prozess in tiefere Bewusstseinsebenen vorzudringen.
Drehbuchautor Mark Frost gab später gegenüber BBC zu, Agent Cooper zum gewissen Grade an David Lynch, wie er ihn kannte, angelehnt zu haben: „Viele seiner Schrulligkeiten und seine Liebe zum Detail, die David in hohem Maße auszeichnen, kamen bei dieser Figur zum Vorschein. Ich denke, sein Interesse an den Obsessionen der Menschen und an Figuren, die von etwas besessen sind, findet sich auch in vielen anderen seiner Werke wieder.“

Pfade durch die Seelenlandschaft von Twin Peaks
Obsessiv wird Agent Coopers Ermittlung sehr bald, zumal der Mord an Laura Palmer allerlei finstere Machenschaften um Korruption, Drogenhandel und Prostitution im so beschaulich anmutenden Twin Peaks offenlegt und Cooper in allen Richtungen nach Gerechtigkeit strebt.
Doch als weitaus undurchdringbarer entpuppt sich das, was sich in den Wäldern von Twin Peaks versteckt und eine Bewährungsprobe sondergleichen darstellt: Die extradimensionalen Räume der „White Lodge“ und der „Black Lodge“. In ersteren gelangt man nur durch die reinste Ausprägung von Liebe, in letztere vor allem durch Angst und unkontrollierte Gelüste.
Im Verlauf der zweiten Staffel, nachdem Laura Palmers Mord schon aufgeklärt ist, ist Agent Cooper aus Liebe gezwungen, sich in die Black Lodge zu begeben und dort auf sein Schatten-Ich zu treffen – es wird eine Reise ohne baldige Wiederkehr.
Erst 25 Jahre später, mit der dritten und als separat zu betrachtenden Staffel „Twin Peaks: The Return“ (2017) setzten Mark Frost und David Lynch die Geschichte um den derweil in der Black Lodge gefangenen Cooper fort: Folge um Folge musste sich ein gealterter und von seiner Zeit im extradimensionalen Raum benommener Cooper über seltsamste Umwege ins Leben zurück kämpfen.
Schließlich schritt er aber mit seiner ihm eigenen Zuversichtlichkeit wieder zur Tat, um Twin Peaks ins Lot zu bringen. Gleichermaßen versuchte das Publikum wie in den vorangegangen Staffeln die Puzzle-Teile zu den Geschehnissen mühsam zusammenfügen, um ein immer noch rätselhaftes Ganzes zu erhalten.
Das mag ganz in Lynchs Sinne sein, dessen von surrealem Dräuen durchzogenes Werk die Bezeichnung „Lynchian“ prägte und bis heute viel Interpretationsspielraum lässt. Eine der interessanteren Deutungen von „Twin Peaks“ läuft darauf hinaus, dass diese Stadt letztlich eine Seelenlandschaft darstellt, die Agent Cooper gemeinsam mit dem Publikum erkundet, wie Jens Hinrichsen vom Monopol Magazin es Mark Frost darlegte, der es durchaus einleuchtend fand: „Für mich ist die Stadt selbst die Hauptfigur der Serie, und die Menschen repräsentieren jeweils eine bestimmte Eigenschaft im gesellschaftlichen Körper von Twin Peaks.“
Entsprechend ließe sich Agent Cooper als von außerhalb stammender und unbescholtener Wanderer betrachten, der diese Landschaft im Streben nach Güte, Gerechtigkeit und Mitgefühl beschreitet, willens einen Pfad zur tieferen Erkenntnis zu finden.
Kein anderer in Twin Peaks scheint gleichermaßen geeignet, denn Agent Cooper bringt eine Eigentümlichkeit mit sich, die es mit dieser Stadt oder Seelenlandschaft aufnehmen kann. Eben ganz wie sein reales Pendant Lynch, über den Kyle MacLachlan treffend formulierte: „Es gibt niemanden wie ihn. Es wird nie jemanden wie ihn geben. Er sah die Welt auf eine ganz besondere Weise.“
Wofür wir Agent Dale Cooper bewundern

1. Seine Großzügigkeit
Nicht nur für Kaffee und Kuchen hat Agent Cooper Lob übrig, sondern immer wieder auch für seine Mitmenschen, deren gute Eigenschaften er anerkennt und ihnen gern Komplimente ausspricht. Seine einschlägigen Ermittlungserfahrungen haben ihn gegenüber Menschen nicht abgehärtet, sondern lassen ihn ihnen weiterhin mit Mitgefühl und Großzügigkeit begegnen – was er letztlich auch sich selbst gönnt:
„Machen Sie sich jeden Tag einmal am Tag ein Geschenk“, rät Cooper Sheriff Truman an einer Stelle: „Planen Sie es nicht. Warten Sie nicht darauf. Lassen Sie es einfach geschehen. Das kann ein neues Hemd vom Herrenausstatter sein, ein Nickerchen in Ihrem Bürostuhl oder“ – wie sollte es anders sein – „zwei Tassen guter, heißer schwarzer Kaffee.“
2. Seine Spiritualität
Der Glaube sitzt tief in Agent Cooper, aber er orientiert sich dabei weniger an spezifischen Religionen und Konfessionen, sondern an abstrakteren Vorstellungen über die menschliche Kondition und die Beschaffenheit der Seele. Es mag undefiniert klingen, aber die Meditation, zu der er ansetzt, als ein Mann in seinen Armen im Sterben liegt, zeugt von äußerst präzisen Gedanken zum Scheiden aus dem Irdischen:
„Die Zeit ist gekommen, den Pfad zu beschreiten. Deine Seele hat dir ein klares Licht vor Augen geführt und du stehst nun kurz davor, es in seiner Wahrhaftigkeit zu erfahren, in der alle Dinge wie der leere und wolkenlose Himmel erscheinen und der blanke, makellose Geist einem transparenten Vakuum gleicht, ohne Grenze oder Mitte. Erkenne dich selbst in diesem Moment und nimm diesen Zustand an. Ins Licht.“
3. Seine menschliche Unvollkommenheit
Als unbescholtenen und mutigen Gutmenschen lernen die Bewohner*innen von Twin Peaks Agent Cooper kennen – und zum Teil auch lieben. So macht die gerade mal volljährige Audrey Horne (Sherilyn Fenn) dem Agenten immer wieder Avancen, die er auf freundliche, aber bestimmte Weise abweist und ihr dafür lediglich seine Freundschaft darreicht. „Sie haben nur einen Makel – Sie sind perfekt“, sagt Audrey und fast bis zum Schluss der zweiten Staffel trägt sich der Schein von Makellosigkeit fort, kann aber auch Cooper nicht vor den Fängen der Black Lodge retten.
„Wenn du dich der Black Lodge mit unvollkommenem Mut stellst, wird sie deine Seele vollständig vernichten“, verriet ihm Deputy Hawk zuvor. Tatsächlich scheint Cooper Angst in die Black Lodge mitgetragen zu haben, was ihm aber angesichts der dort lauernden Grauen kaum zu verdenken ist, sondern einfach menschlich.
Alle 3 Staffeln der Serie laufen bei Paramount+, Mubi und noch bis 19.12.26 in der Arte-Mediathek.
Happy Streaming,
Dobrila