Staffellauf #92 von Julia Mähl • 27. Februar 2026

Wie ihr alle wisst, stehe ich auf Reality-TV. Kein Geheimnis, ich hab’s ja auch schon in meinem ersten Staffellauf vor ein paar Monaten an die große Glocke gehängt. Mittlerweile muss ich mir jedoch selbst die Frage stellen: Wie lange kann ich Reality-TV noch streamen, ohne all meine Prinzipien zu verraten?

Diese Frage kommt natürlich nicht von ungefähr. In allererster Linie ist es der Sieg – oder besser „die Krönung“ – von Sänger Gil Ofarim, die mich dazu führt. Kurz für alle, die an dieser Stelle Nachhilfe brauchen: Gil Ofarim war einer der Teilnehmer in der diesjährigen Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, auch bekannt als das RTL-Dschungelcamp. Dass er die Show dieses Jahr gewonnen und die „Krone“ mit nach Hause genommen hat, war ja schön und gut. Das Problem ist viel eher sein Hintergrund. Denn vor knapp fünf Jahren veröffentlichte der Musiker ein Video auf Instagram, in dem er behauptete, ein Mitarbeiter des Westin Hotels in Leipzig habe ihn antisemitisch beleidigt und dazu aufgefordert, seine Davidsternkette abzunehmen. 

Zu diesem Video hätte er natürlich jedes Recht gehabt – wenn es denn gestimmt hätte. Hat es aber nicht. Das ergaben die Ermittlungen und das gab Gil Ofarim auch am sechsten Verhandlungstag vor Gericht zu.

Ausbleibende Einordnungen

Kommen wir von diesem kleinen Exkurs also zurück ins Jahr 2026: Was nun viele Menschen – inklusive mir – kritisieren, ist die Art, wie im Fernsehen mit den Anschuldigungen umgegangen wurde. Gil behauptete unter anderem, er dürfe nicht über seine Strafverfahren sprechen. Das stimmt nicht. Außerdem äußerte er im Dschungelcamp, es hätte damals Ungereimtheiten bei den Beweismitteln gegeben. Stimmt ebenfalls nicht. In anderen Gesprächen erweckte er sogar den Eindruck, es habe für ihn damals einen Freispruch gegeben. Auch falsch, denn das Verfahren wurde gegen Geldauflagen von 10.000 Euro eingestellt. Mit einem Freispruch hat das nichts zu tun. 

Und die Produktion der Show? Die sagte gar nichts dazu, sondern ließ seine Aussagen einfach so stehen. Was ich daran so fahrlässig finde: Als Medienmacher*in hat man in solchen Momenten die Pflicht, das richtig darzustellen. Sei es durch eine Bauchbinde, einen eingeblendeten Text oder andere Mittel. 

Aber nein, stattdessen wirkt es vielmehr so, als habe man ihn durch den Sieg im Dschungel rehabilitieren wollen. Die halbherzigen Versuche von RTL, auf die Kritik der Zuschauer*innen im Nachhinein einzugehen, sind kaum der Rede wert. Ich frage mich: Warum wird so jemandem A) eine Plattform geboten und B) der Rücken freigehalten?

Jede Menge „Einzelfälle“

Das Schlimme ist aber eigentlich, dass Gil Ofarim für mich kein Einzelfall ist. Wer mir in diesem Zuge ebenfalls direkt in den Sinn kommt, ist Aleks Petrovic. Auch hier gebe ich nochmal eine schnelle Zusammenfassung, damit sich auch alle abgeholt fühlen: Der 34-Jährige hat eine klassische Reality-Laufbahn hingelegt. Von „Love Island“ zu „Ex on the Beach“, weiter zu „Temptation Island“, „Sommerhaus der Stars“ und nochmal zu „Temptation Island“. Die Zwischensteps erspare ich euch, das dauert zu lange.

Was mich an Aleks stört, sind unter anderem seine manipulative Art und die starke Eifersucht, die er an den Tag legt. In allererster Linie ist es aber das äußerst problematische Männerbild, das er verkörpert. Er wird nicht umsonst „der maskuline Mann“ genannt. Unvergessen auch seine Erzählung von der Verlobungsnacht, in der Aleks‘ einstige Verlobte Vanessa Nwattu keinen Sex mit ihm haben wollte, weil sie sich nicht danach fühlte. Dabei habe er sich doch „extra Mühe gegeben“. Das sei doch zu erwarten – seine Worte. Solche Aussagen sind hochgradig misogyn und haben im TV nichts verloren. Trotzdem wird er immer wieder in Formate eingeladen, bekommt und generiert Sendezeit. Was mit Sicherheit auch der Mehrwert ist, den sich die Produzent*innen von ihm versprechen.

Solchen Menschen sollte man keine Plattform bieten. Ich finde, als Produktion sollte man in solchen Momenten einschreiten, einblenden, ihn meinetwegen rausschmeißen. Aber es unkommentiert im Raum schweben lassen? Definitiv nicht.

Abo kündigen oder nicht?

Zahlreiche Nutzer*innen machten nach dem Gil-Ofarim-Debakel bereits öffentlich, RTL nicht länger unterstützen zu wollen. Wie viele Kündigungen beim Streamingportal RTL+ ins Haus flatterten, würde ich nur zu gerne wissen. Von mir kam allerdings bisher noch keine. Warum? Weil ich mich nur schwer davon trennen kann. Reality-TV ist mein (eigentlich) Un-Guilty-Pleasure. Nur wie lange noch? 

Ein Teil von mir hofft, dass die vielen beendeten Abonnements die Produktionen wachrütteln und zu einem Umdenken führen. Aber müsste ich dann nicht eigentlich auch kündigen, statt bequem weiterzustreamen und darauf zu warten, dass die Aktionen der anderen zum Sieg führen? Ihr seht: The Struggle is real. 

Was denkt ihr: Ist Unterhaltung wichtiger als Haltung? Kann man das Streaming von Reality-TV noch vertreten oder ist es an der Zeit, ein Zeichen zu setzen? Und vor allem: Was muss passieren, um jetzt noch die Kurve zu bekommen?

Happy Streaming,
Julia

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