„Ah davon hab ich gehört, das muss ich unbedingt auch noch schauen“ – so oder so ähnlich versanden viele Gespräche über neue Streamingangebote in meinem Umfeld. Wenn ich eine neue Serie verschlinge, die Figuren kennenlerne, mich mitärgere oder mitfreue, will ich mich gerne darüber austauschen. Aber irgendwie scheint niemand die Serien, die ich gucke, gesehen zu haben. Und vice versa: Von vielen Serien, auf die ich angesprochen werde, habe ich nicht mal gehört. Ich frage mich in einer Welt mit immer unterteilteren Foren und Unmengen an Streamingangeboten: Warum streamen wir eigentlich alle so unterschiedlich?
Alle wussten, wer mit „A“ gemeint ist
Die erste Serie, die ich jemals gestreamt habe, ist „Pretty Little Liars“ (2010-2017). Ich war 14 Jahre alt, habe die verruchte Werbung einer illegalen Streamingseite weggeklickt und eine Folge nach der nächsten geschaut. Und ich war nicht alleine: Meine Schulfreundinnen und ich haben gemeinsam gerätselt, wer hinter dem mysteriösen Phantom „A“ steckt, und haben uns über unsere Lieblingsfiguren und ihre Fehltritte ausgetauscht. Genauso war es etwa mit „Grey's Anatomy“ (seit 2005) oder „Germany's Next Topmodel“ (seit 2006). Und auch wenn man sich darüber streiten könnte, ob das wirklich gute Serien sind, die mir kritisches Denken gelehrt haben – es gab einen Austausch. Wir hatten eine gemeinsame Grundlage, auf der wir diskutiert haben.
Heute kennt kaum noch jemand die Serien, die ich gerade schaue. Zum Beispiel „The Pitt“ (seit 2025), niemand in meinem Umfeld scheint die Serie geguckt zu haben. Es ist ja auch nicht überraschend: Es gibt einfach ein viel breiteres Angebot, mehr Streamingdienste, und wir haben auch weniger Zeit als mein 14-jähriges Ich. Wir können gar nicht alle dasselbe gucken. Und vielleicht wollen wir das auch gar nicht mehr.
In der Kommentarspalte gefangen
Ein weiterer Grund ist natürlich das Internet, in dem sich für jeden Geschmack ein Forum, ein Subreddit, eine Tiktok-Nische finden lässt. Und das ist grundsätzlich ja auch gut: Jede und jeder kann genau das gucken, was sie oder er will, und sich darüber mit Menschen austauschen, die das gleiche interessiert. Ich habe das Gefühl, dass Serien generell spezifischer werden und sich mehr und mehr maßgeschneidert anfühlen. Und die Algorithmen führen uns direkt zu ihnen. Meine Youtube-Startseite weiß auch genau, was ich aktuell schaue und schlägt mir dazu Videoessays oder Interviews vor. In den Kommentarspalten scheinen dann wiederum alle die Serie geguckt zu haben.
Es ist natürlich gemütlich, die Freiheit der Wahl abgenommen zu bekommen, aber so versendet sich das Gesehene in der eigenen Echokammer. Der Real-Life-Diskurs bleibt aus. Die Gedanken zu den Streams bleiben bei mir, vielleicht noch zwischen Social Media und mir – und dadurch geht großes Potenzial verloren.
Wir brauchen mehr Barbies
Denn diese gemeinsamen kulturellen Momente sind mehr als nur Small Talk. Sie sind gesellschaftlicher Kitt. Sie geben uns eine Grundlage für Gespräche, für Verständnis, für Diskurs. Wenn sich alle nur noch in ihrer eigenen Streamingbubble bewegen, verlieren wir gemeinsame Referenzpunkte. Aus Allgemeinwissen wird Individualwissen.
Filme und Serien sind nicht nur wichtiger Bestandteil, sondern auch Auslöser gesellschaftlicher Diskurse. Zuletzt hat das „Barbie“ (2023) geschafft. Und auch wenn die Meinungen dazu auseinandergegangen sind, war es der meistbesuchte Kinofilm des Jahres 2023 und wir haben über Feminismus gesprochen.
Solche Erfolge zeigen, wie positiv es ist, mal aus dem eigenen Geschmack, den eigenen Grenzen, den eigenen Gewohnheiten auszubrechen – und sich seine Empfehlungen von Zeit zu Zeit mal von Menschen (wie hier bei Shelfd 😉) einzuholen, nicht nur von den schlauen Algorithmen.
Und ihr? Habt ihr auch das Gefühl, dass ihr euch mit immer weniger Bekannten über das Gestreamte austauschen könnt? Lasst uns dazu in unserer Community austauschen 🙂
Happy Streaming,
Leya
