Staffellauf #95 von André Pitz • 20. März 2026

Die aktuellen Entwicklungen auf dem Streamingmarkt zeigen, dass die verschiedenen Anbieter ziemlich gewissenhaft an ihrem eigenen Niedergang arbeiten. Sie scheinen dabei vergessen zu haben, dass ihr Geschäftsmodell nicht auf besonders guten Inhalten, sondern einzig und allein darauf fußt, einen winzigen Hauch bequemer als illegales Streaming zu sein. Und es wirkt auf mich so, als ob es sich bald ausgehaucht hat.

Dabei fing alles so vielversprechend an: In einer fragmentierten Fernsehwelt mit einer Reihe von linearen Silos, bei nicht unerheblichen Einzelpreisen für Filme und Serien als VOD oder auf DVD/Blu-ray stiegen Netflix und Co. wirklich wie der Messias vom Kreuz herab. Relativ vielseitiger Katalog, gefühlt fairer Preis, angemessene Qualität, flexible Kündigungsbedingungen und – sind wir mal ehrlich – zu Beginn toleriertes Passwort-Sharing. Das war im Gegensatz zu den mit Viren und Pop-ups verseuchten Seiten wie dem berüchtigten Kino.to eine regelrechte Offenbarung und damit ein tatsächlicher Zuwachs an Lebensqualität für Vielschauer*innen.

Netflix und Co. haben damit zwar dem illegalen Streaming nicht den Garaus gemacht, aber es schlicht zur umständlicheren und damit unattraktiveren Option gemacht.

Zurück zum Anfang

Doch heute, fast 20 Jahre nach dem Start des Streaminggeschäfts von Netflix und gut zwölf Jahre nach dessen Deutschlandstart, scheinen wir uns zügig auf das Ende der Kreisbewegung zuzubewegen und bald wieder am Anfang anzukommen.

Der Markt ist fragmentierter denn je. Wer die Highlights mitbekommen will, kann sich schon lange nicht mehr nur mit Netflix und, sagen wir, Prime Video zufriedengeben. Stattdessen braucht es da etwa noch Disney+, Apple TV, Paramount+, Mubi und ganz frisch HBO Max. Die meisten Anbieter haben in den vergangenen Jahren außerdem immer wieder an der Preisschraube gedreht – meiner Meinung nach ohne im Gegenzug ihr jeweiliges Produkt zu verbessern.

Streaming vor Gericht

Manche haben es sogar aktiv verschlechtert – allen voran Prime Video. Seit etwas mehr als zwei Jahren müssen sich Kund*innen im Basistarif bereits mit Werbeunterbrechungen ihrer Streams herumschlagen. Das ist prinzipiell gar nicht mal schlimm. Ein billiges Preistier mit Werbung gehört mittlerweile zum guten Ton. Doch Amazon hat die Werbung ihren Bestandskund*innen ohne deren Einwilligung aufgedrückt und für Werbefreiheit erneut die Hand aufgehalten.

Dieses Vorgehen hat unlängst auch die Justiz beschäftigt. Nach einer Klage des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen vor dem Landgericht München I beschieden die Richter*innen Amazon in einem (noch nicht rechtskräftigen) Urteil eine unzulässige Vertragsänderung. Als nächstes soll wohl auch Streaming in 4K abgeräumt werden. Das verrät ein Blick in die USA, wo Amazon dieses Feature bereits hinter eine weitere Paywall gesteckt hat.

Von Schildbürgertum bis Enshittification

Ein Gewisses Maß an Schildbürgertum hat jüngst auch HBO Max bewiesen. Zum Deutschlandstart war es Kund*innen zwar auch möglich, ihre Filme und Serien für den Offlinegenuss herunterzuladen, aber ohne aktive Internetverbindung verweigerte die App zunächst komplett den Start, wenn ich verschiedensten Beschwerden in meiner Timeline Glauben schenken darf.

Schwierig sind auch die sogenannten Familienabos, die im derweil aufgenommenen Kampf gegen Passwort-Sharing eingeführt wurden. Denn unterm Strich sind das Haushaltsabos. Wer etwa ein bisschen zu lange nicht zu Hause ist und sein Gerät nicht regelmäßig im Heimnetz anmeldet, kann irgendwann schlicht nicht mehr streamen — als zahlender Kunde. Wer das in einer anderen Stadt studierende Kind mit ins Abo aufnehmen will, schaut auch in die ausgeschaltete Röhre.

Das alles sind Symptome und Merkmale dessen, was der Netzintellektuelle Cory Doctorow „Enshittification“ nennt:

„So sterben Plattformen: Zuerst behandeln sie ihre Nutzer*innen gut; dann beuten sie ihre Nutzer*innen zum Wohle ihrer Geschäftskund*innen aus; Schließlich beuten sie auch diese Geschäftskund*innen aus, um alles von Wert für sich selbst abzuschöpfen. Dann sterben [die Plattformen]. Ich nenne das Enshittification.“

Für die Streamingdienste bleibt dieses Gebaren nicht ohne Folgen. Etwa seit 2021 erleben illegale Streamingseiten eine Art zweiten Frühling mit deutlich ansteigenden Zugriffsraten. Ob das tatsächlich mit der sogenannten Enshittification der Plattformen zusammenhängt, kann ich natürlich nur schwer beweisen. Aber der Verdacht liegt zumindest mehr als nur ein bisschen nahe.

Versteht mich nicht falsch: Ich will nicht zurück zu den Viren und den Pop-ups. Jedoch bewegt sich der Streamingmarkt als Ganzes gerade auf einen Punkt zu, ab dem er noch unattraktiver als die illegale Alternative wird. Und das hat wiederum direkte Auswirkungen auf Budgets, die für neue kreative Produktionen bereitgestellt werden können. Es scheint ein Teufelskreis.

Cory Doctorow skizziert jedoch einen Weg raus aus der Misere: weniger Algorithmus, mehr eingehaltene Versprechen — und digitale Inhalte, die man wirklich besitzt und nicht nur mietet.

Wonach das klingt? Genau! Nach einer fälligen Entschuldigung für das eingestaubte und vernachlässigte DVD- und Blu-ray-Regal.

Waren wir die letzten Sammler*innen?
Streaming hinterlässt keine Spuren, die Zeit überdauern – keine Regale, die unseren Kindern erzählen, wer wir mal waren.

Die Frage an euch

💬 🍿 Weiter geht's in der Shelfd Streaming-Community:

  • Habt ihr noch physische Medien im Regal stehen – und können die für euch Streaming wieder ablösen?
  • Was glaubt ihr: Protestieren wir zu wenig, obwohl die Streamer schlechter und teurer werden?
  • Gibt es für euch eine konkrete Verschlechterung – Werbung, Preiserhöhung, Offline-Sperre – die für euch die Schmerzgrenze wäre?

Happy Streaming,
André

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