Staffellauf #44 von Abena Freund • 27. März 2025
„Ähm, habt ihr gewusst, dass das Stück fast vier Stunden lang geht??“ Nein, tatsächlich hatte niemand unserer Gruppe auf die Laufzeit der Inszenierung von „Der Zauberberg“ am Deutschen Nationaltheater in Weimar geachtet. Da wir unsere Tickets aber eh schon gekauft hatten, wurde uns die Entscheidung, jene Herausforderung anzunehmen, so ziemlich vorweggenommen.
Doch wieso eigentlich Herausforderung? Als Publikum waren es schließlich nicht wir, die mehr als drei Stunden lang sprechende, singende und tanzende schauspielerische Höchstleistung auf der Bühne abliefern mussten.
Ich selbst denke nach wie vor mit Freude an das Stück zurück und habe die drei Stunden und 40 Minuten gern in Kauf genommen und ja, sogar ausgiebig genossen. Doch die Meinungen gingen hierbei sehr stark auseinander, insbesondere auf den Aspekt bezogen, inwieweit man sich unterhalten oder doch ziemlich gelangweilt gefühlt hat.
Interessanterweise sind Zeit sowie Zeitempfinden ganz zentrale Themen des Stücks gewesen, was mich gedanklich einmal wieder zu einer altbekannten (oder neubekannten?) Krankheit gebracht hat: die ✨ruinierte Aufmerksamkeitsspanne✨.
Ich will weder darauf eingehen, ob nun TikTok oder doch eher Instagram die Schuld an jener Krankheit trägt, noch will ich über Konzentrationsschwächen herziehen oder Generationsdebatten befeuern.
Vielmehr will ich auf eine allgegenwärtige Ungeduld aufmerksam machen, die ich zunehmend im Zusammenhang mit dem Konsum von beziehungsweise der Auseinandersetzung mit Kunst wahrnehme.
Slow-Burn-TV
Aktuell haben einige äußerst populäre TV-Serien wieder ihren Weg auf unsere Fernsehgeräte geschafft, darunter Hits wie „Severance“ (Staffel 2), „The White Lotus“ (Staffel 3) und „Yellowjackets“ (Staffel 3).
Drei sehr unterschiedlich konzipierte Serien, die mit ihren neuen Staffeln allerdings alle an die ein oder andere Geduldsgrenze der Zuschauer*innen stoßen. So wirkt es zumindest, wenn man einen Blick in diverse Social-Media-Kommentarspalten wirft.
„This episode could’ve been an email.“, meinte jemand in Bezug auf eine Episode von „Severance“. Das ist zugegebenermaßen ein guter Joke mit einer passenden Anspielung an die Corporate-Absurditäten der Mystery-Serie.
Doch wieso wird eine Folge wie „Alte Dämonen“, die uns einen essenziellen Einblick in die Vergangenheit und Innenwelt einer bisher zentralen Antagonistin (die von Patricia Arquette brillant verkörperte Harmony Cobel) gewährt, als überflüssig wahrgenommen?
Welche Staffel von „The White Lotus“ die bisher stärkste gewesen ist, bleibt wohl Geschmackssache. Dennoch behalten einige Zuschauer*innen denselben Kritikpunkt für die aktuelle dritte Staffel bereit: Es passiere nichts.
Komisch, denn ich finde, innerfamiliäre Machtverschiebungen, intrigante Gruppendynamiken und eine verschwundene Schusswaffe in einem Wellnesshotel sind nicht unbedingt nichts.
Dass „The White Lotus“ primär über subtil ausgetragene zwischenmenschliche Konflikte funktioniert, um gesellschaftliche Machtsysteme zu verhandeln, ist doch schon immer der Appeal für Fans der Serie gewesen, oder nicht?
Bezüglich „Yellowjackets“ meinte jemand in den Kommentaren, dass man den Inhalt zweier Folgen auch zu einer Folge hätte zusammenfassen können. Dabei reden wir hier von einer Serie, die so dicht geschrieben ist, dass beinahe mit jeder neuen Szene die Macht- und Sympathiedynamiken unter den Protagonistinnen immer wieder aufs Neue umstrukturiert werden.
Auch die zweite Staffel der Slow-Burn-Serie (!) „Silo“ wurde zuletzt wiederholt vorgeworfen, sie würde sich wahnsinnig in die Länge ziehen. Dabei erschließt sich die gewählte Erzählstruktur in meinen Augen erst am Ende der Staffel.
Wann kommt endlich die nächste Folge?
Mittlerweile ist es wieder gang und gäbe, dass die Episoden einer neuen Staffel im wöchentlichen Rhythmus veröffentlicht werden anstatt als Gesamtpaket in einem Rutsch. Somit orientieren sich Streaming-Services an der klassischen Strukturierung von TV-Ausstrahlungen.
Natürlich ist das als kapitalistische Strategie der Großanbieter zu verstehen, doch gleichzeitig normalisiert dieser Ansatz, auf Inhalte warten zu müssen.
Betrachtet man einmal die Menge an Schweiß und Blut, die Kunstschaffende (oft über mehrere Jahre hinweg) in die Produktion einer Serienstaffel fließen lassen, ist es doch fair, nicht die Möglichkeit serviert zu bekommen, ihre Kreationen als bloßen Content verschlingen zu können, um gleich am nächsten Tag die nächste Staffel anzufordern.
Außerdem sind mir Serien mit wöchentlichen Releases immer besonders nachhaltig im Gedächtnis geblieben.
Die Abspann-Phobie
Ungeduld findet im kulturellen Rahmen natürlich nicht nur im Heimkino, sondern auch vor der großen Leinwand statt. Jene Ungeduld kickt genau dann, wenn der erste Name der Mitwirkenden erscheint.
Zack! Schon stehen die ersten, fertig angezogen und bereit, den Kinosaal zu verlassen. Huch? Wieso habt ihr’s denn so eilig? Wo müsst ihr denn hin? Der Film ist doch eigentlich noch gar nicht vorbei.
Ich dachte immer, dass selbst Marvel mit seinen Post-Credit-Szenen mittlerweile vermitteln konnte, dass der Abspann noch zum Gesamtwerk gehört. 2022 war Regisseur Todd Field so frech und setzte den Abspann einfach an den Anfang von „TÁR“, so wie es das Kino bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts standardmäßig gehandhabt hat.
Der Endgegner: Jeanne Dielman
Was haben sich Cineast*innen darüber gezofft, ob es gerechtfertigt war, dass Chantal Akermans „Jeanne Dielman“ (1975) zuletzt als bester Film aller Zeiten von dem britischen Filmmagazin „Sight & Sound“ gekürt wurde.
Auf Letterboxd meinte jemand, es wäre spannender, einer frisch gestrichenen Wand beim Trocknen zuzusehen. (Ernstgemeinte, interessierte Frage: Hat das irgendjemand schon mal gemacht?)
Für einen Filmabend mit Familie oder Freund*innen würde ich den dreieinhalbstündigen Brocken (immer noch kürzer als „Der Zauberberg“) tatsächlich nicht vorschlagen, was den Film jedoch nicht weniger sehenswert macht.
Ist „Jeanne Dielman“ langweilig? Ja. Ist die vom Patriarchat inszenierte, monotone Haushaltsrolle für die Frau langweilig? Aber hallo! So langweilig, dass es wehtut und in den Wahnsinn treibt.
In einem Interview sprach Akerman einst darüber, wie die Zeitstrukturen ihrer Filme den*die Zuschauer*in an seine*ihre eigene Vergänglichkeit erinnern und Akerman als Regisseurin die Macht behält, Lebenszeit zu rauben.
Wer hat Angst vor Langeweile?
Wir fürchten uns vor Langeweile. Ständig. Überall. Dabei ist sie vielleicht gar nicht so furchteinflößend, wenn wir sie uns einmal genauer anschauen. Denn schließlich kennen wir sie noch aus Kindheitszeiten. Sie ist also keine Unbekannte und letztlich – wie andere Emotionen auch – einfach ein Teil unseres Lebens.
Ist die Kunst langatmig oder bin ich ungeduldig? Ich finde das Verhältnis zwischen Zeitempfinden und kulturellem Erlebnis äußerst spannend. Vielleicht erreichen wir bald das Tempolimit unserer gesellschaftlichen Schnelllebigkeit. Vielleicht schaffen wir es, öfter das Konzept von verschwendeter Zeit im Zusammenhang mit Kunst zu hinterfragen.
Die Aufführungen von „Der Zauberberg“ sind im Weimarer Theaterprogramm mittlerweile durch. Falls Du die Kulturstadt allerdings einmal besuchen solltest, kann ich Dir das herausragende Schaffen des DNT-Ensembles nur wärmstens ans Herz legen.
Und wer sich traut, kann sich Akermans „Jeanne Dielman“ – abschließend zum Women’s History Month – entspannt auf Mubi anschauen.
Was war der längste Film, das längste Theaterstück, der längste Song, das dickste Buch oder der ausführlichste Newsletter, mit dem Du bisher konfrontiert wurdest? Und hast Du durchgehalten?
Happy Streaming,
Bena
