Staffellauf #7 von Arabella Wintermayr  •  16. September 2021

Der Siegeszug der Streamer hat den filmischen Blick auf gesellschaftliche Realitäten geweitet. Dass es heute mehr sexuelle, ethnische, religiöse und soziale Vielfalt zu sehen gibt, verdanken wir gerade Eigenproduktionen von Diensten wie HBO (mit dem deutschen Partner Sky), Amazon Prime Video und – allen voran – Netflix.

Die Miniserie „We Are Who We Are“ des „Call Me by Your Name“-Regisseurs Luca Guadagnino über Teenager*innen, die auf einer US-amerikanischen Militärbasis in Italien ihre sexuelle und geschlechtliche Identität ergründen, wäre noch bis vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen. Die erfolgreiche Serie „Grace und Frankie“ rückt mit Jane Fonda und Lily Tomlin wiederum ein altes, weibliches Duo in den Fokus und damit eine gesellschaftliche Gruppe, die es im linearen Fernsehen weiterhin so gut wie nicht zu sehen gibt.

Zu dem Ergebnis, dass die Produktionen der Streaming-Anbieter hinsichtlich ihrer Diversität besser abschneiden als das TV-Programm, kam im letzten Jahr auch eine von der Film- und Medienstiftung NRW, dem ZDF und der MaLisa Stiftung geförderte Studie (hier lesen). Dafür wurden am Institut für Medienforschung der Universität Rostock knapp 200 zwischen 2012 und 2019 veröffentlichte Serien der großen Dienste untersucht. Darin waren knapp unter zehn Prozent der wichtigen Rollen lesbisch, schwul, bisexuell oder queer – und auch in puncto ethnische Zuschreibung erwies sich das Angebot als divers.

Alles erreicht ist damit dennoch nicht, denn die gesellschaftliche Realität bilden auch Netflix und Co. nicht ausreichend ab. Frauen sind im Vergleich zu Männern auch hier unterrepräsentiert, auf „typisch weibliche“ Berufsgruppen beschränkt und verschwinden mit zunehmendem Alter immer weiter von der Bildfläche. Schaut man bei der ethnischen Diversität genauer hin, beginnt sie zu bröckeln: „In nationalen Kontexten überwiegt jedoch die Sichtbarkeit der Mehrheitsbevölkerung“, heißt es in der Studie. In den analysierten deutschen Produktionen etwa sind 89 Prozent der zentralen Figuren weiß – keine war als Schwarz oder asiatisch zu lesen.

Insgesamt stehen die Streaming-Anbieter gegenüber dem Fernsehen dennoch für mehr Repräsentation. Was die Studie allerdings nicht erfassen kann, ist die Art der Sichtbarkeit. Und auf die kommt es letztlich vor allem an.

Repräsentation ist nicht gleich Repräsentation

Denn wichtig ist nicht nur, dass die Visibilität verschiedener gesellschaftlicher Gruppen erhöht wird, sondern auch, dass sich die Art der Repräsentation verändert. Es geht eben nicht nur um Darstellung an sich, sondern eine Entwicklung hin zu einer gleichberechtigten Form, einer Darstellung auf Augenhöhe. Denn damit sich Repräsentation nachhaltig positiv auswirken kann, muss sie dazu beitragen, zum Selbstbewusstsein der Abgebildeten beizutragen, sie eigene Stärken erkennen lassen – zumindest hin und wieder. Im Idealfall zeigen sie die Abgebildeten in ihrer Gänze, nicht nur eine bestimmte Facette oder Möglichkeit.

Das war bis vor kurzem nicht der Fall. Lange dominierte etwa die „Burry Your Gays“-Trope: Kamen schwule oder lesbische Charaktere in Filmen und Serien vor, waren ihre Schicksale meist tragisch, allzu oft endete ihre Geschichte mit dem Tod. Ähnlich funktioniert die vor allem im Horrorgenre vertretene „Black Dude Dies First“-Trope: Ist eine Schwarze Person Teil des Figurenensembles, war es meist sie, die als erstes stirbt.

Gerade in der Streaming-Welt werden diesen gängigen Erzählschemata immer öfter andere, vielseitigere Repräsentationsformen gegenübergestellt. Ein Paradebeispiel dafür ist die Miniserie „Hollywood“, die eine queere und ethnisch diversere Perspektive auf die Geschichte der Traumfabrik der 1940er Jahre wirft und sie mit einem (ahistorischen) Happy End versieht. Auch Ramin Bahranis „Der weiße Tiger“, der die Perspektive eines Dieners einnimmt, der sich aus seiner Unterdrückung emanzipiert, um von der enormen sozialen Kluft in Indien zu erzählen, wirkt empowernd.

Ohnehin ist Repräsentation besonders gelungen, wenn sie sich wie eine Selbstverständlichkeit anfühlt, statt einer besonders hervorzuhebenden Ausnahme. Etwa dann, wenn Rosamund Pike in der düsteren Comedy „I Care a Lot“ eine skrupellose Betrügerin mimt, die ganz nebenbei in einer lesbischen Beziehung lebt. Auch die Miniserie „Ratched“, das Prequel um die gleichnamige böse – und offensichtlich nicht-heterosexuelle – Krankenschwester aus „Einer flog über das Kuckucksnest“ bricht mit einer einseitigen Darstellung von Diversität.

Ob das Mehr an Repräsentation eine anhaltende Entwicklung darstellt, bleibt allerdings abzuwarten. Gerade im Marketing vom Netflix lässt sich erkennen, dass Diversität bewusst in den Fokus gerückt und als Verkaufsargument verwendet wird, um höchstens durchschnittliche Produktionen über ihre Sensibilität gegenüber Diskriminierung aufzuwerten. Besonders deutlich zeigte sich das etwa im Falle der Serie „Bridgerton“, die im Grunde nicht mehr als ein kitschiges Historienstück aus dem Genrebaukasten ist, aber durch ihr Casting zu einem medial vielbesprochenem Phänomen avancierte, plötzlich in aller Munde war und zur meistgesehenen Serie des Anbieters wurde. Timo Gößler, Dozent für Dramaturgie und Serielles Erzählen an der Filmuniversität Babelsberg in Potsdam, bezeichnet die neue Diversität als Serien-„Trend“ (Quelle). Es wäre schön, wenn sie sich als mehr als das erweisen würde.

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