Staffellauf #58 von David Reiter • 03. Juli 2025
Vergangene Woche schrieb Julia in ihrem Staffellauf über GNTM und machte eine wichtige Beobachtung: Reality-TV kann mehr sein als nur Entertainment. Dahinter stecken oft psychologische und politische Dimensionen. Eine kluge Analyse – die aber gleichzeitig den Streaming-Teufel in mir weckte: 'Siehst Du? Selbst Deine Guilty-Pleasures solltest Du eigentlich analytisch schauen!'
Dabei hatte ich mich gerade erst in die Hängematte aus Staffel 5 von „Raus aufs Land“ (ARD-Mediathek) fallen lassen – eine ruhig erzählte Doku-Soap, die Menschen bei ihrem mal mehr und mal weniger durchdachten Start ins Landleben begleitet. Perfekt zum Abschalten, um meine Gehirnfrequenz den hohen Temperaturen anzupassen.
Das brachte mich zu einer unangenehmen Reflektion: Habe wir Streameast*innen uns selbst den Raum für einfache Entspannung genommen, weil wir aus allem eine Lernaufgabe machen? Leiden wir womöglich unter einer Art Streaming-Burnout?
Ein erstes Indiz dafür liefert eine scheinbar harmlose Frage.
Die gefürchtete Party-Frage
„Was schaust Du gerade?“
Diese vier Worte können bei mir einen kleinen Panik-Anfall auslösen. Nicht etwa, weil ich nichts schaue, sondern weil ich Angst habe, dass meine Antwort nicht sophisticated genug ist.
Sage ich „The Bear“ (sicher, aber zu obvious)? Hole ich „I May Destroy You“ raus und mache die heitere Stimmung sofort zunichte? Oder gestehe ich, dass ich vergangene Woche einfach nur drei Folgen „Marktcheck“ auf Youtube gebingt habe?
Diese Frage sollte eigentlich Grund zur Freude sein – ein Moment, um Begeisterung zu teilen. Stattdessen ist sie für mich zu einem kleinen sozialen Minenfeld geworden. Jetzt bloß nichts Falsches sagen.
Unter uns… Wie würdest Du auf die Frage antworten?
Wenn jede Entscheidung zur Prüfung wird
Schauen wir genauer hin: Als Streameast habe ich mir tatsächlich ein paradoxes Problem geschaffen. Ich kann seltens „einfach schauen“ – mein Qualitätsanspruch verbietet es förmlich. Jede Entscheidung vor dem Fernseher wird zur Prüfung: Ist das mit Liebe gemacht? Würde ich das einer Freundin empfehlen? Welche gesellschaftlichen Themen behandelt es?
Ja, manchmal sitze selbst ich mit dem gesammelten Know-how der Shelfd Redaktion im Nacken für 37 Minuten vor Netflix und scrolle, weil nichts meiner aktuellen Stimmung entspricht. Sollte ich mir die letzte Staffel „You“ antun, um den Versuch zu unternehmen, meine Lebenszeit aus den vorangegangenen Seasons doch nochmal aufzuwerten? Näh. Irgendein französisches Drama anmachen? Hätte ich schon Lust, aber heute fehlt mir die Energie für Untertitel.
Früher bin ich nach Hause gekommen, habe den Fernseher angemacht und geschaut, was lief. Punkt. Kein Grübeln, kein Bewerten, kein schlechtes Gewissen.
Heute stehe ich im Supermarkt der Streaming-Optionen und kann mich nicht entscheiden. Dabei weiß ich genau, was nahrhaft und gut für mich ist – die gediegene HBO-Serie, der preisgekrönte A24-Film, die koreanische Indie-Produktion. Aber manchmal möchte ich einfach rein in die Süßigkeiten-Abteilung und mir eine Tüte Haribo gönnen.
Das Problem: Als Streameast habe ich mir lange Zeit eingeredet, dass Haribo-Streaming schlecht für mich ist (nicht nur für die Zähne).
Die Watchlist als Beweisstück
Hier ist die unbequeme Wahrheit. Bewusstes Streaming kann genauso toxisch werden wie gedankenloses Binge-Watching. Nur eben anders.
Denn manchmal will ich zu viel auf einmal – zu viel empfinden, lernen und Perspektivwechsel. Am besten wird jede Serie zum Statement und jeder Film zum Spiegelbild meiner Persönlichkeit.
Nur meine Merkliste, die erzählt eine ganz andere Geschichte: 347 Titel, die alle geduldig darauf warten, dass ich endlich die Zeit und mentale Kapazität aufbringe, ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen.
Aber hier zeigt sich das Problem besonders deutlich. Eine Watchlist sollte Inspiration sein, kein Aufgabenheft. Sie sollte mir Möglichkeiten zeigen, nicht Pflichten auferlegen. Trotzdem schleicht sich manchmal das Gefühl ein, dass jeder neue Titel eine weitere Kampfansage an mein „besseres Ich“ ist.
Das Muster wird klarer. Irgendwann habe ich aus Entspannung ‘Performance’ gemacht. Aus Vergnügen eine Art von Stress. Kennst Du das Gefühl?
Die Last der Kuration
Als Streameast bin ich oft der Kurator in meinem Freundeskreis. „Du kennst Dich doch aus – was soll ich schauen?“ Diese Rolle kann schön sein, aber sie verstärkt den Druck.
Plötzlich fühle ich mich verantwortlich für die Streaming-Erfahrungen anderer. Wenn mein Kumpel die empfohlene Serie nicht mag, ist das irgendwie auch mein Versagen. Wenn die Kollegin nach drei Folgen abbricht, habe ich ihren Geschmack falsch eingeschätzt.
So wird aus einer einfachen Empfehlung ein Reputationsrisiko. Ich empfehle weniger spontan, dafür sicherer. Lieber den Dramedy-Underdog „Beef“ zum x-ten Mal vorschlagen, als mit „How to Get Rich“ ein Reality-TV-Risiko eingehen.
Aus psychologischer Sicht ist das faszinierend. Ich habe meine Identität als Streameast so stark mit meinem Geschmack verknüpft, dass jede „falsche Empfehlung“ wie ein persönlicher Angriff auf mein Selbstbild wirkt. Dabei ist Geschmack subjektiv. Das war schon immer so.
💡 Falls Du neugierig bist, welcher Streaming-Typ Du bist und wie sich das auf Dein Sehverhalten auswirkt – hier kannst Du es herausfinden.
Das verdrängte Bedürfnis nach Einfachheit
Die Antwort auf meine anfängliche Frage kristallisiert sich heraus: Ja, ich habe mir tatsächlich den Raum für einfache Entspannung genommen. Manchmal will ich aber einfach nur Trash schauen. Manchmal braucht mein Gehirn „GNTM“ statt „The Crown“. Manchmal tut es gut, eine Folge „Tatort“ zu schauen, ohne dabei über Kameraführung oder gesellschaftspolitische Implikationen nachzudenken.
Aber als Streameast habe ich mir selbst diesen Raum für simple Vergnügen kleiner gemacht. Ich habe mir eine Bubble gebaut, in der jeder Konsum gerechtfertigt werden muss. In der „Ich schaue das nur zum Abschalten“ sich wie eine Entschuldigung anfühlt – obwohl Abschalten völlig legitim ist und gebraucht wird.
Das Problem fängt schon beim Begriff an: Inhalte, für die wir uns schämen, werden als „Guilty Pleasures“ gelabelt. Das lädt aber eine implizite Schuld für etwas auf, das doch eigentlich Freude macht.
Höchste Zeit für ein Reframing!
Ich möchte gerne diese vier Begriffe ins Rennen schicken, wenn Du und ich uns das nächste Mal eine Bewegtbild-Schlammpackung anrühren und anderen freudig davon berichten wollen:
- Comfort-Content – Inhalte, die uns emotionale Geborgenheit geben, wie eine warme Decke für die Seele
- Feel-Good-Streaming – bewusst gewählte Inhalte, die unsere Stimmung heben und uns Energie zurückgeben
- Brain-Candy – süße Belohnung für unser Gehirn, die genauso gut tut wie ein Stück Schokolade nach einem harten Tag
- Emotional-Maintenance – aktive Selbstfürsorge für unsere Psyche, so wichtig wie Zähneputzen oder Duschen
Und manchmal, ja manchmal kommt auch bei mir Julias Beobachtung heraus und so ein Feel-Good-Stream entpuppt sich als mehr, als auf der Verpackungsangabe steht.
Das ging mir zuletzt bei „Rosins Restaurants“ auf Joyn so. (Danke an meine Frau, die Frank Rosin in mein Leben brachte!) Ich schaue ihm nämlich nicht nur gerne dabei zu, wie er Restaurant-Besitzer*innen hilft, ihre kulinarische Idee zu finden. Seine direkte Art, Probleme anzusprechen, wertschätzend Potenziale sichtbar zu machen und konstruktiv Vorschläge einzubringen, inspiriert mich sogar für mein eigenes Podcast-Coaching im Nebengewerbe.
Das passiert ganz ohne Muss. Ohne den Druck, etwas lernen zu müssen. Denn auch ohne diese Ebene kann ich die Doku-Soap einfach nur genießen.
Der Weg zurück zur bewussten Entspannung
Die Lösung für die aufgeworfene Frage liegt für mich nun nicht darin, gedankenlos zu streamen. Die Lösung ist, mich bewusst entspannen zu wollen.
Manchmal ist das Beste, was man für sich tun kann, den inneren Kritiker oder die innere Kritikerin auszuschalten und einfach das zu schauen, worauf man gerade Lust hat. Ohne Bewertung. Ohne Reflexion. Ohne den Anspruch, dass es einen zu einem besseren Menschen macht.
Shelfd gibt uns die Sicherheit, dass das, was wir empfohlen bekommen, mit Liebe gemacht ist. Diese Sicherheit will ich noch mehr nutzen, um mich zu entspannen, nicht um mir noch mehr Druck zu machen.
Du musst nicht alles schauen
Vielleicht ist das der wichtigste Satz, den wir als Streameast*innen verinnerlichen müssen: Du musst nicht alles schauen. Er bedeutet auch, dass Du nicht alle empfohlenen Serien nachholen musst. Und dass Du nicht jeden gehypten Film gesehen haben musst.
Manchmal reicht es, einfach eine gute Zeit auf der Couch zu haben.
Happy Streaming,
David
