Wie verändert die Art und Weise, wie wir Geschichten erzählen, die tatsächlichen Begebenheiten? Gibt es überhaupt die eine Wahrheit? Auch den Liebling, den ihr gerade lest, kann nur einen Teil, meine Perspektive, des Films wiedergeben. Diese und noch viele andere Fragen haben mich nach dem Sehen von „Rashomon“ (1950) beschäftigt.
Japan im 12. Jahrhundert. Unter dem verfallenen Rashomon-Tor suchen drei Männer Schutz vor dem Regen und diskutieren über ein verstörendes Verhör: Ein Samurai (Masayuki Mori) wurde im Wald ermordet, seine Frau (Machiko Kyō) vergewaltigt. Der Bandit Tajōmaru (Toshiro Mifune), die Witwe des Samurai, ein Zeuge (Takashi Shimura) und (durch ein Medium) der Tote selbst, erzählen ihre Version der Ereignisse – doch jede Geschichte widerspricht den anderen.
„Rashomon“ ist ein Gerichtsdrama, psychologischer Kriminalfilm und philosophischer Mysterythriller in einem. Regisseur Akira Kurosawa erforscht zudem den unzuverlässigen Erzähler und hinterfragt damit das Konzept einer universellen Wahrheit. Der Film war einer der ersten aus Japan, die im Westen breit wahrgenommen wurden.
Die Kameraarbeit von Kazuo Miyagawa ist bemerkenswert. Wir verlieren uns in wunderschönen Schwarzweiß-Aufnahmen, die vor Kreativität nur so strotzen – beispielsweise durch das Framing, also die Gestaltung des Bildausschnitts. Die Bilder im Wald und das dadurch erzeugte Licht transportieren die diffuse Stimmung des Films. Die Blätter filtern das Sonnenlicht und werfen kleine Schatten auf die Figuren. Dadurch entsteht eine zusätzliche sensorische Ebene, die uns als Zuschauende die Szenen spürbarer macht.
Doch auch die Kamera lügt. Sie zeigt uns vier widersprüchliche Versionen der Ereignisse – und alle wirken gleichermaßen wahr. Der Film erschüttert die Annahme, dass alles, was wir sehen, wahr ist. Jede Figur erzählt ihre eigene Wahrheit, zeigt sich im bestmöglichen Licht und belügt dabei sogar sich selbst.
Das wirkt sich auf das Publikum aus: Jeder Mensch, der den Film sieht, wird seine individuelle Perspektive einbringen und dadurch einen eigenen Eindruck bekommen. Und genau darin liegt – ja, tatsächlich – die Wahrhaftigkeit von „Rashomon“.
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