Was ist eure größte Horrorvorstellung? Vielleicht ein gruseliger Clown? Ein heimgesuchtes Haus? Zwillinge in einem einsamen Hotelflur? Oder sind es große Familienfeiern, auf denen nah oder weit entfernte Verwandte mit einem Lächeln und einer geladenen Erwartungshaltung abfragen, wie es denn so laufe? „Hängst du immer noch im gleichen Job?“, „Was sind deine Pläne für die Zukunft?“ oder „Isst du genug?“, sind mögliche Fragen im Repertoire. So und noch viel schlimmer läuft es in unserem dieswöchigen Liebling „Shiva Baby“ (2020).
Danielle (Rachel Sennott) hat einen Sugar Daddy, um sich das Jurastudium zu finanzieren – oder doch nicht? Auf jeden Fall eilt sie nach einem bezahlten Techtelmechtel mit dem wesentlich älteren Max (Danny Deferrari) zu einer jüdischen Trauerzeremonie (Schiv’a), wo sie sich den neugierigen Fragen zahlreicher Verwandter und Bekannter stellen muss. Zu allem Übel taucht dort auch bald Max auf – inklusive Frau und gerade geborenem Nachwuchs.
Mit ihrem Langfilm-Debüt „Shiva Baby“ gelingt Regisseurin und Drehbuchautorin Emma Seligman eine schwarzkomödiantische Horrorfahrt durch eine beklemmende Familienfeier. Selbstbewusst zeigt Seligman die Suche einer jungen Frau nach ihrer Richtung, ihrer Sexualität, ihrer Selbstverwirklichung – ja, ihrer Identität.
Hauptdarstellerin Rachel Sennott transportiert, wie aus einer Selbstverständlichkeit heraus, die angespannte Grundstimmung und den schwarzen Humor des Films mit ihrem komödiantischen Timing, ihren verräterischen Gesichtsausdrücken und ihrer hektischen Körperlichkeit. Sie bietet viel Projektionsfläche für den Clash der traditionellen Werte ihrer Familie vs. dem Druck als Macherin gelten zu wollen vs. dem was Danielle selbst sein möchte – auch wenn sie das gar nicht zu wissen scheint.
Seligman schafft Horrorstimmung am helllichten Tag. Die stellenweise erdrückende Atmosphäre erzeugen vor allem der dumpfe Sound und die engen Kameraeinstellungen. Diese Horrorszenen wirken wie ein heißer Sommertag, an dem keine Abkühlung in Sicht ist und man der Sonne schutzlos ausgeliefert ist.
Ein kurzweiliges Banger-Debüt über die leidige Suche nach dem Platz im Leben und die Erforschung seiner Selbst. Ein Film zum Sich-wiedererkennen, Mitschwitzen und mit ganz vielen komischen Momenten zum laut Loslachen.
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