Staffellauf #40 von David Reiter • 20. Februar 2025

Als Streameast liebe ich es, mich in neue Geschichten zu stürzen. Und wenn diese mich überraschen und mir neue Perspektiven auf das Leben aufzeigen.

Es gibt nur eine Sache, die ich noch lieber mag: in liebgewonnene Welten zurückzukehren, um mich noch ausgiebiger mit diesen zu beschäftigen.

In diesem Staffellauf möchte ich (ganz im Nachklang vom Valentinstag) eine kleine Liebeserklärung an zweite Staffeln aussprechen.

​Wenn nichts mehr erklärt werden muss und alles sofort klar ist.
Wenn meine Erwartungen bedient, übertroffen oder untergraben werden.
Wenn scheinbar unbedeutende Details aus Staffel 1 aufgegriffen werden, aber nun völlig anders erscheinen.

Paradoxe Erwartungshaltung

Okay, so richtig fasziniert bin ich von der bizarren Dynamik zwischen Vertrautheit und Innovation bei zweiten Staffeln.

​Denn während wir Zuschauer*innen einerseits nach Wiederholungen positiver Erlebnisse und einer Verdichtung narrativer Ebenen lechzen, erwarten wir gleichzeitig eine Weiterentwicklung derselben.

​Nehmen wir „Succession“: Wir wollten definitiv die bissigen Familienstreitigkeiten wiedersehen, aber bitte nicht die gleichen wie in Staffel 1. Oder „The Bear“: Wir lieben die hektische Restaurantküche! Aber wir haben das Prinzip nun verstanden. Wir erwarten deshalb zu Recht neue Herausforderungen für das dysfunktionale Team.

Lieblingsstream: Staffel 2 von „The Bear" (Disney+

Diese Gratwanderung zwischen dem Bewährten und dem Überraschenden stellt Showrunner*innen vor eine komplexe dramaturgische Herausforderung.

​Während ich mir nun nicht anmaßen möchte, irgendetwas davon besser gelöst zu bekommen, liebe ich es, mich voller Neugierde, Urvertrauen und Begeisterungsbereitschaft in dieses Wagnis einer zweiten Staffel zu stürzen.

​Denn wenn ich eine Sache festhalten kann, dann dass mir die Verdichtung eines Stoffes nicht selten eine starke Reaktion abverlangt – sei es Begeisterung, Enttäuschung oder Wut.

Diese emotionale Intensität ist genau das, wonach ich suche, wenn ich den Fernseher einschalte. Selten spüre ich sie stärker als in Serien-Fortsetzungen, wenn die emotionalen Bindungen zu den Figuren bereits geknüpft sind.

Apropos parasoziale Bindung

Auch die Beziehung, die wir zu fiktiven Figuren (genauso wie übrigens zu Podcaster*innen oder Popstars) aufbauen können, unterstreicht die gefühlte Nähe zum Stoff nur noch.

Wir müssen Menschen nämlich nicht persönlich kennen, um uns mit ihnen verbunden zu fühlen. Die sogenannte „parasoziale Interaktion“ beschreibt daher unsere innere Auseinandersetzung mit den Figuren und ihrem Erlebten.

​Diese steigt nachweislich um durchschnittlich 40 Prozent bei zweiten Staffeln. Ist das nicht krass!?

Das Phänomen konnte schon 1956 von den amerikanischen Soziologen Donald Horton und R. Richard Wohl bei Untersuchung von Fernseh-Zuschauer*innen beobachtet werden. Die neurologische Bestätigung erfolgte später durch die Untersuchung von Aktivierungsmustern im Gehirn, die tatsächlich denen realer sozialer Bindungen ähnelten.

Aufmerksamkeitsökonomie, aber anders

So ist mir passend dazu überhaupt erst aufgefallen, wie ich bei aller Verfügbarkeit von immer neuen Geschichten stets zuallererst nach Fortsetzungen Ausschau halte. Insbesondere nach Sequels, mit denen ich gerne mehr Zeit verbringen möchte.

Lieblingsstream: Staffel 2 von „Mo" (Netflix)

Meine Watchlist der letzten Wochen und Monate sah darum so aus (in absteigender Reihenfolge nach ihrem Wow-Faktor):

  • Mo (Staffel 2) – große Empfehlung! (zum Trailer)
  • Severance (Staffel 2)
  • Shrinking (Staffel 2)
  • Silo (Staffel 2)
  • Squid Game (Staffel 2)
  • The Night Agent (Staffel 2)

​Der rote Faden dämmerte mir aber erst jetzt. In meiner Recherche über die Gründe bin ich noch auf eine Weitere interessante kognitive Entdeckung gestolpert:

​Demnach scheinen wir schlicht eine erhöhte Kapazität für komplexere Handlungsstränge zu haben, wenn wir uns durch „mental bereits etablierte Modelle“ navigieren.

Kurz: Wir können in zweiten Staffeln bis zu 30 Prozent mehr narrative Informationen verarbeiten. Darum können sich Geschichten plötzlich auch nach so viel mehr anfühlen. Oder… nach zu wenig.

Eine Abschlussbeobachtung

Sind zweite Staffeln durch all diese Aspekte nun automatisch besser und sollten wir alle nur noch auf Fortsetzungen warten?

​Ganz im Gegenteil! Denn allem objektiven Anschein nach mögen wir Fortsetzungen fast nie so sehr, wie das Original.​

Auf Bewertungsplattformen wie IMDb und Letterboxd kommen Sequel-Serien nämlich laut meiner nicht-repräsentativen Beobachtung fast immer schlechter weg als die erste Staffel.

Ob das an möglicherweise überzogenen Erwartungen seitens uns Zuschauer*innen liegt, an der gesteigerten Aufmerksamkeit oder schlicht ein tatsächlicher Qualitätsabbau eintritt, kann ich nicht genau sagen. Aber wir kennen das alles!

Bitte lasst uns darum alle unberechenbar bleiben. Und für den Empfehlungsalgorithmus immer auch in Inhalte einschalten, die jegliches Schubladendenken sprengen und uns so richtig überraschen können.

Nicht weniger erwarte ich von meinem Streaming.

Happy Streaming,
David

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