Staffellauf #80 von David Reiter

Ich habe verlernt, still zu sitzen beim Streaming. Nicht, weil mir plötzlich der Hintern wehtut, sondern weil meine Aufmerksamkeit nicht mehr funktioniert wie früher. Aber das liegt nicht an mir allein – die Plattformen haben mich jahrelang darauf trainiert, Unruhe zu verspüren. Und ich verstehe erst jetzt, was das mit mir und uns macht.

Selbst wenn ich einen Stream starte, auf den ich mich gefreut habe, bin ich nicht mehr wirklich da. Ein Teil von mir lauscht, wie es dem Baby geht. Ein anderer überlegt, ob ich nicht doch noch schnell die Küche aufräumen sollte. Und ein dritter Teil weiß genau: Selbst wenn das Kind schläft und alles erledigt ist, würde ich wahrscheinlich trotzdem nicht richtig ankommen.

Das ist kein Einzelfall mehr. Das ist mein Normalzustand geworden.

Und die Konsequenz? Ich lande deshalb immer öfter gar nicht mehr bei Netflix oder in den Mediatheken. Sondern auf Youtube. Weil ich schon vorher weiß: Ich werde heute keine Ruhe finden. Weil mein Kopf einfach nicht mehr leicht in den Modus kommt.

Also scrolle ich durch Minuten-Reportagen, Comedy-Bits und Podcast-Ausschnitte. Irgendwas, das zu meiner fragmentierten Aufmerksamkeit passt. Und das finde ich wirklich schade.

Die Diagnose ist klar

Der Atlantic-Journalist Derek Thompson hat in seinem Essay Why Everything Became Television kürzlich analysiert, was hier passiert: Alles wird zu Fernsehen. Nicht im klassischen Sinne, sondern als endloser „Flow“ von Videos.

Thompson bringt es auf den Punkt: „It is the flow, not the content, that is primary.“ Bei Tiktok, Instagram und Youtube ist kein einzelnes Video essenziell. Die Plattformen verkaufen nicht Inhalte – sie verkaufen Unendlichkeit, den Play-Button, das Weiterswipen und den nächsten Clip. Dazwischen läuft Werbung.

Unsere Aufmerksamkeit wurde jahrelang darauf trainiert: schnell, episodisch, austauschbar, nebenbei. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Medienkonsum so funktioniert – als endloser Strom, bei dem nichts wirklich wichtig ist, bei dem wir prinzipiell jederzeit wegklicken könnten und bei dem der Flow selbst die Belohnung ist.

Und dann will ich mich hinsetzen, um einen 90-Minuten-Film zu schauen – und wundere mich ernsthaft, dass ich nicht mehr still sitzen kann?

Die Plattformen haben mich systematisch umtrainiert.

Thompson zitiert den Medienwissenschaftler Raymond Williams, der schon 1974 erkannte: Fernsehen hat Kultur von „diskreten, abgeschlossenen Produkten“ – ein Buch, ein Theaterstück, einen Film – zum kontinuierlichen Fluss verwandelt.

Besser wurde es seitdem jedenfalls nicht.

Was dabei verschwindet

Wenn alles zu TV wird, verlieren wir laut Thompson etwas, das er „Inwardness“ nennt. Im Deutschen gibt es dafür kein gutes Wort. Aber gemeint ist die Fähigkeit, sich ganz auf etwas einzulassen. Mental in die Tiefe zu gehen, statt an der Oberfläche zu bleiben.

Diese Fähigkeit verschwindet. Das ist nicht spekulativ. Das passiert gerade.

​Das erklärt so viel über so viele moderne Serien! Sie sind nicht mehr dafür gemacht, dass wir komplett eintauchen. Sie sind dafür gemacht, dass wir sie ertragen, während wir etwas anderes tun.

​Und trotzdem: Es gibt noch Streams, die anders funktionieren. Nach Stefan Sagmeisters Doku „The Happy Film“ (derzeit bei Amazon zum Leihen) habe ich zum Beispiel tagelang über Glück, Zufriedenheit und den Wert von Kreativität in meinem Leben nachgedacht. Der Film hat etwas in mir ausgelöst, das weit über die 95 Minuten Laufzeit hinausging. Das war kathartisch.

​Aber die Frage ist nicht mehr, ob solche Inhalte existieren. Die Frage ist, ob ich noch die Rezeptionsfähigkeit dafür habe.

​Und irgendwie – das muss ich zugeben – funktioniert das Flow-Prinzip halt auch erschreckend gut.

​Neulich wurde mir „Thunderbolts*“ bei Disney+ oben vorgeschlagen. Ein klassischer Actionfilm zum Abschalten. Früher hätte ich bewusst nach so etwas gesucht, wenn ich genau das brauchte. Heute lande ich dort, weil der Algorithmus weiß, dass meine Aufmerksamkeit gerade nur dafür reicht.

​Und das Verrückte: Der Film war okay. Ich konnte zwischendurch pausieren, einmal Windel wechseln, weiterschauen. Perfekt für meinen fragmentierten Zustand.

​Aber genau das ist das Problem. Ich schaue, wenn ich überhaupt bis zu einem Film komme, zunehmend mehr „Thunderbolts*“-Rein-Raus-Action und immer seltener tolle „The Happy Film“-Dokus, die mich nachhaltig beschäftigen könnten. Nicht weil sich meine Interessen verändert hätten, sondern weil meine Aufmerksamkeit sich verändert hat – und die Plattformen das ausnutzen.

Warum wir Shelfd umbauen

Aber dann, nach Wochen ohne Streaming, ist etwas Interessantes passiert: Als ich wieder anfing zu schauen, war das Problem nicht weg. Ich wusste zwar wieder genau, was ich sehen wollte. Aber meine Aufmerksamkeit war trotzdem nicht zurückgekommen. Der Wille war da – die Fähigkeit nicht.

​Diese Erkenntnis hat alles verändert. Denn sie zeigt: Es reicht nicht, die „richtigen“ Inhalte zu finden. Wir müssen auch wieder lernen, sie aufzunehmen.

Deshalb bauen wir Shelfd jetzt um. Nicht als Experiment. Nicht als Option. Sondern weil es die einzige sinnvolle Antwort auf Thompsons These ist: Wenn alles zu Flow wird, muss es einen Ort geben, der das Gegenteil tut.

Nach unserer Mitgliederbefragung vor drei Monaten wurde mir klar: Wir wabern. Zwischen Kuration und Katalog. Zwischen „Wir wählen für euch aus“ und „Hier ist alles, such selbst“. Zwischen wöchentlichem Ritual und täglichem Feed.

Die Wahrheit ist: Die meisten von euch denken nur freitags an uns, wenn unser Newsletter im Postfach landet. Ihr öffnet nicht täglich unsere Plattform, um durch Listen zu scrollen. Und das ist nicht euer Problem – das ist unsere Chance.

Denn genau da liegt der Gegenentwurf zu Thompsons „Everything is Television“.

Das neue Shelfd

Wir verabschieden uns vom Feed und werden ein wöchentliches Magazin.

Jeden Freitag bekommt ihr eine Handvoll Kolumnen und kuratierter Highlights. Nicht zwanzig Optionen. Nicht hundert Neustarts. Sondern eine Handvoll Empfehlungen, die jetzt relevant sind. Mit der Reflexion unserer Streaming-Gewohnheiten, die euch helfen, eure eigenen zu hinterfragen.

​Ein Magazin, für das man sich bewusst 10 bis 15 Minuten nimmt – am Freitag auf der Couch, am Samstagmorgen beim Kaffee oder am Sonntagabend vor der neuen Woche. Ein Moment für sich selbst, in dem man seine Gedanken zum Streaming-Hobby schweifen lässt.

Ohne FOMO und „Letzte Chance“-Stress. Stattdessen mit Ruhe, Klarheit und Wertschätzung.

​Das ist unser Gegenentwurf zum Flow. Wir sagen nicht: „Hier ist alles, viel Spaß beim Suchen.“ Wir sagen: „Das hier ist essenziell. Und wir erklären euch, warum.“

Die Community startet jetzt

Ab sofort gibt es die Shelfd Streaming-Community. Keine Tipps-Sammlung. Kein Forum für Watchlist-Vergleiche. Sondern ein Ort, an dem wir uns aktiv an der Frage abarbeiten: Wie wollen wir streamen?

​Das ist nicht rhetorisch gemeint. Wir teilen dort transparent:

  • Wie wir Entscheidungen treffen
  • Welche Experimente wir machen
  • Wie wir das Magazin entwickeln

​Die erste Frage steht schon:

Was hat sich für euch in den vergangenen fünf Jahren mehr verändert: die Streams auf den Plattformen oder eure Fähigkeit, sie aufzunehmen?

​Kommt in die Community und erzählt uns eure Geschichten. Nicht in Stichworten, sondern in Anekdoten: Wann habt ihr gemerkt, dass sich etwas in eurem Konsum verändert hat? Was bedeutet das für euer Streaming heute? Und könnt ihr noch leicht still sitzen?​

Die Shelfd Community ist für alle Mitlesenden ab heute zugänglich. Kommt doch auch mit dazu und unterstützt uns dabei, bewusstes Streaming nicht nur zu predigen, sondern gemeinsam zu leben:

Der Weg zurück zur Ruhe

Thompson hat recht: Wir verlieren die Fähigkeit zur Verinnerlichung. Aber das ist keine unvermeidliche Entwicklung.

Ich baue jetzt das Shelfd, das wir 2026 dringender brauchen als je zuvor. Ein Magazin gegen den Algorithmus-Flow. Eine Community für bewusstes Streaming. Einen Ort, der uns hilft, wieder still zu sitzen.

​Wir brauchen Pausen. Wir brauchen Grenzen. Wir brauchen Momente, in denen wir bewusst sagen: „Jetzt schenke ich diesem einen Film meine volle Aufmerksamkeit.“

Shelfd kann das nicht für euch tun. Aber wir können euch helfen, diese Momente zu finden. Und zu schützen.

​Das neue Magazin startet in den kommenden Wochen. Die Community ist jetzt geöffnet. Und die erste Frage wartet schon auf euch.

​Die Frage ist nicht mehr, ob wir das brauchen. Die Frage ist: Seid ihr dabei?

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