„The Mastermind“ (2025) ist ein Heist-Film, aber nicht im klassischen Sinne: keine Aufregung, kein Nervenkitzel, kein großes Kinoereignis. Regisseurin Kelly Reichardt interessiert sich nicht für den perfekten Coup. Trotzdem habe ich beim Abspann gemerkt, wie sich eine unangenehme Spannung schleichend in meinem Körper ausgebreitet hatte. Weil man von Anfang an spürt, dass das, was hier passiert, nicht gut ausgehen kann.
Der Film spielt 1970 in einer amerikanischen Kleinstadt in Massachusetts. Amerika steht unter Spannung: Der Vietnamkrieg eskaliert, Proteste prägen den Alltag, und nach Schüssen auf Studierende der Kent State University liegt Gewalt in der Luft. J.B. Mooney (Josh O’Connor) ist ein arbeitsloser Handwerker, Ehemann, Vater von zwei Kindern – und jemand, der sich selbst für klüger, begabter und unterschätzter hält, als sein Leben es widerspiegelt. Als er mit seiner Familie ein Museum besucht, stiehlt er impulsiv eine kleine Skulptur. Kein großer Plan, kein Statement, aber daraus entwickelt sich etwas Größeres: die Idee, ein paar Gemälde zu klauen. Nicht, weil er unbedingt großen Gewinn daraus machen möchte, sondern einfach, weil er es kann. Oder zumindest glaubt, es zu können.
Was folgt, ist ein Heist, der sich von vorne bis hinten falsch anfühlt. Die Vorbereitungen sind detailliert, umständlich, irgendwie liebevoll: selbstgenähte Taschen für die Bilder, eine selbstgebaute Kiste, gestohlene Autos, kleine Zeichnungen der Kunstwerke, damit bloß nichts schiefgeht. Beim Zuschauen habe ich mich immer wieder dabei ertappt, wie ich dachte: Hör auf. Lass es. Nicht, weil der Coup moralische Bedenken in mir auslöst, sondern weil es so offensichtlich ist, dass dieser Plan auf Sand gebaut ist. Reichardt inszeniert den Raub nicht als aufregenden Höhepunkt, sondern als Abfolge von banalen Problemen: Türen, die sich nicht öffnen lassen. Menschen, die im falschen Moment auftauchen. Wege, die zu eng sind. Alles dauert zu lange, und genau dadurch wird es so unangenehm.
Josh O’Connor spielt diese schleichende Selbstentlarvung großartig. J.B.s Versagen ist leise, schleichend, fast höflich. Er ist kein Held, auch kein Antiheld, er wirkt weder brillant, noch böse, noch skrupellos – eher wie jemand, der überzeugt ist, dass ihm mehr zusteht. Und genau das macht es so bitter. Der Film urteilt nicht, aber schaut genau hin – auf männlichen Ehrgeiz, auf Selbstüberschätzung, auf das Privileg, Individualität und Apathie ausüben zu können in Zeiten politischer Unruhe. J.B. ist ein Rebell aus Langeweile – er plant einen belanglosen Coup, während die Welt um ihn herum brennt. Sein vermeintliches Genie ist hauptsächlich den Frauen in seinem Leben zu verdanken, auf die er sich stützt (insbesondere seine Ehefrau, gespielt von Alana Haim). Sein Raub wirkt dadurch weniger rebellisch als verloren.
Visuell ist „The Mastermind“ zurückhaltend, aber extrem präzise. Lange Einstellungen, wenig Musik, viel Zeit für Handgriffe, Wege, Pausen. Man spürt die Körperlichkeit jeder Handlung: das Tragen, das Verstecken, das Warten. Nichts ist glamourös. Alles ist anstrengend. Am Ende bleibt kein Triumph, kein Schock, kein klarer Abschluss. Nur stilles Unbehagen und Kopfschütteln – auf die beste Art.
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