Staffellauf #6 von Dobrila Kontić  •  09. September 2021

Was löste das für eine Euphorie aus, als Netflix 2013 dem Streamingmarkt endgültig den Weg ebnete und einer seiner Nutzungsvorteile darin bestand, dass ganze Serien-Staffeln auf einen Schlag veröffentlicht wurden! Nutzer*innen waren nicht mehr an feste Ausstrahlungstermine gebunden (sofern es sich um Netflix Originals handelte), man hatte keine Wartezeiten mehr und konnte gleich nach dem Cliffhanger der letzten Episode von „Orange is the New Black“ erfahren, wie es weitergeht. Die automatisierte Wiedergabe der nächsten Episode, die 15 Sekunden nach dem Abspann einsetzte, ermunterte eine*n sogar dazu, einfach weiterzuschauen, ebenso das überspringbare Serien-Intro.

Diese Anfangseuphorie hat sich heute zu einer gewissen Abgeklärtheit gewandelt. Wir sind den sofortigen Zugriff auf den gesamten Serieninhalt gewohnt und Binge-Watching, das Schauen gleich mehrerer Episoden oder ganzer Staffeln am Stück, ist für viele eine recht gängige Form des Serienkonsums. Inzwischen liegen aber auch zahlreiche wissenschaftliche Studien zu den Folgen regelmäßiger Serienmarathons vor, die ein sehr kritisches Licht hierauf werfen – vor allem im Hinblick auf unsere Gesundheit.

Die Strapazen des Serienmarathons

Ein recht offensichtliches Problem ist, dass das „Nur noch eine Folge“-Verhalten häufig dazu führt, dass wir unseren Schlaf aufschieben, obwohl wir am nächsten Morgen früh aufstehen müssen. Dies führt dazu, so fand eine 2017 im „Journal of Clinical Sleep Medicine“ veröffentlichte Studie heraus, dass die meisten Binge-Watcher*innen nicht nur weniger sondern auch deutlich schlechter schliefen – zum Teil auch deswegen, weil sie die über Stunden hinweg einverleibte Serienhandlung beim Schlafengehen nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Ebenso wie das von Bildschirmen ausgestrahlte blaue Licht, das die Produktion des Schlafhormons Melatonin stört. Und da Schlaf auch wichtig für die neuronale Erholung ist, kann dies Langzeitfolgen haben. Einer Untersuchung von 2019 zufolge haben Menschen, die mehr als 3,5 Stunden pro Tag fernsehen (und streamen) ein schlechteres verbales Gedächtnis.

Hinzu kommt noch der Bewegungsmangel, der langfristig das Auftreten von Herzerkrankungen und Schlaganfälle begünstige, wie im „Journal of the American Heart Association“ nachzulesen ist. Und dann wären da noch die ungesunden Begleitfaktoren, welche die regelmäßigen Seriengelage mit sich bringen können: die vielen, vermutlich eher ungesunden Snacks, die wir uns währenddessen gönnen, ein unter Umständen arg vernachlässigtes Sozialleben und vielleicht über all das hinaus noch ein schlechtes Gewissen – weil wir mit dem Serienmarathon gerade wichtige aber lästige Aufgaben aufschieben und/oder weil wir sehr genau wissen, wie schlecht das Dauerstreamen für unsere Gesundheit (und nicht zu vergessen auch die Umwelt) ist.

Warum wir es trotzdem tun

Trotz all dieser kritischen Befunde zum Binge-Watching bleibt es ein verbreitetes Phänomen – und zudem eins, das wir nicht immer als negativ wahrnehmen. Schließlich begünstigt es die völlige Vertiefung, die „Immersion“, in eine fiktive Welt. Für viele ist es reizvoll, sich dem Alltag zu entziehen und einen Tag oder gar ein ganzes Wochenende in Westeros, Stars Hollow oder gleich im Good Place zu verbringen. Diese Art des Eskapismus kann beim Stressabbau helfen, betonen einige Wissenschaftler*innen, da das Gedankenkarussell in dieser Zeit mal stillsteht und viele ihre Sorgen pausieren können. Der amerikanische Psychologe Dr. John Mayer vergleicht Binge-Watching gar mit einer „Stahltür; die unser Gehirn davon abhält, über ständige Stressfaktoren nachzudenken.“

Unterstützend kann dabei auch unsere Identifikation mit Lieblingsfiguren wirken, zu der wir langfristig eine Art (natürlich einseitige) Beziehung aufbauen. Psycholog*innen sprechen hier von der „parasozialen Interaktion“, die uns positiv prägen kann, etwa wenn die Figur ähnliche Probleme wie wir hat und diese beispielhaft überwindet. Das Serienschauen ist – auch in Form des Binge-Watchings – eben nicht immer ein rein passives Erlebnis, sondern kann uns inspirieren, zu mehr Selbsteinsicht führen und wissbegieriger machen, wie Arabella in der vorangegangen Kolumne erläutert hat.

Der Ausweg: Rezeption statt Konsum

Also, sollten wir uns einfach ohne schlechtes Gewissen dem Binge-Watching dauerhaft hingeben? Das muss natürlich jede*r für sich selbst beantworten. Dennoch denke ich, dass es problematisch ist, wenn man Serien nur noch auf diese Art schauen kann. Denn wer immer zur nächsten Episode springen muss, ohne sich bremsen und abwarten zu können, verpasst paradoxerweise vielleicht etwas. Gern hätte ich die ein oder andere Serie, die ich aus beruflichen Gründen in mehrstündigen Sitzungen durchschauen musste, mit einigem Abstand zwischen den einzelnen Episoden genossen – zuletzt etwa „The Underground Railroad“. Diese absolut empfehlenswerte Miniserie von Barry Jenkins nach dem gleichnamigen Roman von Colson Whitehead widmet sich auf monumentale Weise dem Thema Sklaverei und bedarf eigentlich nach jeder Episode einer Pause, um das fulminant gefilmte Grauen auf sich wirken zu lassen und sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Es ist keine Serie zum schnellen Durchkonsumieren, sondern eine, die bedachte Rezeption erfordert.

Und vielleicht ist das die zukunftsweisende Richtung: Vereinzelt kehren einige Streaminganbieter dazu zurück, Episoden neuer Serien im wöchentlichen Rhythmus zu veröffentlichen, wie es etwa Disney+ mit „WandaVision“ getan hat. Dies hat für die Serienschöpfer*innen (und natürlich die Streamingkonzerne) den Vorteil, dass die Serien länger ein mediales Gesprächsthema bleiben. Natürlich kann man auch in diesem Fall darauf warten, bis die Episoden alle verfügbar sind und sie dann an einem Stück durchschauen. Aber das Entscheidende ist, dass man sich die Möglichkeit bewahrt, bewusst abzuwägen: zwischen schnellem Konsum und bedachter Rezeption. Letztere, davon bin ich überzeugt, kann sogar bei einem Binge-Watch erfolgen, wenn dieser als gelegentliches Ritual angegangen und zelebriert wird.

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