Staffellauf #4 von Dobrila Kontić  •  26. August 2021

„Aloha!“ heißt das Musikstück aus einer Serie, das sich jüngst auf meine Playlist geschlichen hat. Es ist der Eröffnungstitel von „The White Lotus“, dem Serien-Überraschungserfolg dieses Sommers, mit dem wohl niemand gerechnet hätte. Ursprünglich als Mini-Serie über die ausbeuterischen Attitüden wohlhabender Urlauber*innen in einem Luxus-Resort auf Hawaii konzipiert, wurde „The White Lotus“ von der Kritik und dem Publikum derart gefeiert, dass nun wohl eine Anthologieserie mit wechselnden Feriensettings daraus wird. Und der vom chilenisch-kanadischen Musiker Cristobal Tapia de Veer komponierte Score trägt seinen Anteil daran.

Von kurzen Intros zu großen orchestralen Kompositionen

„Aloha!“ und die 27 weiteren Kompositionen, die das schwarzhumorige Geschehen in „The White Lotus“ untermalen, markieren den jüngsten Höhepunkt in der Geschichte der Serien-Scores. Der Intro-Titel besteht, wie de Veer selbst in Interviews beschrieben hat, aus recht simplen, sich zur wilden Ekstase steigernden Trommelrhythmen und einem etwas poppigeren Synthie-Ausgang, der rau und eingängig zugleich ist. Zu Zeiten des linearen Fernsehens wäre diese Art von Eröffnungsstück schon aufgrund seiner Länge beeindruckend gewesen: Schließlich wurde Titelmelodien und Titelsongs im Verlauf der 1980er und -90er immer weniger Platz eingeräumt, da jede Sekunde Sendezeit dringend für den Serieninhalt oder eben Werbung benötigt wurde. Zudem waren große orchestrale Kompositionen, wie wir sie etwa aus Ramin Djawadis monumentaler Arbeit für „Game of Thrones“ kennen, Kinofilmen vorbehalten.

Hier wurden sie in der Postproduktion aufwendig von darauf spezialisierten Komponisten (von Ennio Morricone bis Hans Zimmer) als Taktgeber und Untermalung für die Filmgeschehnisse sowie vor allem für das emotionale Engagement (beziehungsweise die emotionale Manipulation) des Publikums erdacht. Mit Ausnahme von Angelo Badalementis melancholischen Stücken für „Twin Peaks“ wagten diese Art von Investition später erst Pay-TV- und schließlich Streaming-Kanäle, die ihre Serien von üblichen Fernsehproduktionen qualitativ abheben wollten. Man denke etwa an die schmetternden Hörner und zarten Violinen- und Klavierklänge, die der Italo-Amerikaner Michael Giacchino für die ABC-Serie „Lost“ geschaffen und im Verlauf von sechs Staffeln immer weiter variiert hat.

Der Score als zusätzliche Deutungsebene

Solch ausufernde Serien-Kompositionen sind inzwischen fast zeitgleich zur Serie als Soundtracks verfügbar, aus denen es einzelne Stücke wohl immer öfter auf die privaten Playlists der Zuschauer*innen schaffen. Dies liegt nicht nur daran, dass die Instrumentaleinlagen sich im Verlauf einer oder mehrerer begeistert geschauter Staffeln unweigerlich ins Gedächtnis brennen. Vielmehr bieten sie darüber hinaus immer öfter eine zusätzliche Deutungsebene für die Serien-Geschehnisse.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Nicholas Britells mit einem Emmy ausgezeichneter Score für die Serie „Succession“: In einigen Interviews erzählte Britell vom beeindruckenden Schaffensprozess, der ihn die von einem hämmernden Hip-Hop-Beat gesteuerte Vorspannmusik kreieren ließ, in die sich wiederum eine verspielte Klaviernote einfügt, bis dramatische Streicher einsetzen, alles zerklüften und wieder zum Ausgangspunkt bringen. Britell wurde vom Produzenten Adam McKay sehr früh einbezogen, las das Drehbuch zu dieser Serie über die dysfunktionale Mediendynastie der schottisch-amerikanischen Familie Roy und war am Set bei den ersten Drehs dabei.

Bald, so Britell, habe er sich gefragt, was für Kompositionen die mächtigen Roys wohl selbst für sich wählen würden. Diesen machtvollen königlichen Klängen fügte er dann einen Hauch Verspieltheit und starke Dissonanzen hinzu, um dem Eigenbild der Roys das entgegenzusetzen, was die Serie immer wieder hervorhebt: die Absurdität und Grausamkeit, die ihr Auftreten und Handeln prägt. Britell, so wird hier und an den wirklich großartigen Stücken deutlich, untermalt mit seiner Musik nicht nur, sondern deutet, worauf „Succession“ eigentlich hinauswill.

Nachwirkung und Eigenleben

Auf ähnliche Weise hat auch Cristobal de Veers Arbeit für „The White Lotus“ ein Eigenleben entwickelt. So habe sich Mike White, Creator und Showrunner der Serie, de Veer zufolge einen Score gewünscht, der als eigene Figur agiert. Und diese hat ihm der Musiker mit den experimentellen Klängen seiner Kompositionen gegeben, die unter anderem Affengeschrei, lustvolles Gestöhne und traditionelle hawaiianische Musik integrieren. Es ist eine musikalische Figur, die mit eigenen Augen aus der Distanz aufs Geschehen blickt und das Groteske und Chaotische hinter den zunächst zivilisierten, zurechtgemachten Fassaden der reichen Gäste im Luxus-Resort erspürt. Das Titelstück „Aloha!“ fand auch bei prominenten Musikern wie Billie Eilishs Produzentenbruder Finneas Anklang, der es auf Twitter als seinen liebsten Theme-Song überhaupt bezeichnet hat – und dabei gebe es schon so viele gute! Sehr wahrscheinlich, dass „Aloha!“ auch Hörer*innen erreicht hat, die „The White Lotus“ gar nicht geschaut haben. Damit hätte sich de Veers Komposition endgültig von der Serie emanzipiert – als eigenes hörenswertes Stück Wahnsinn dieses Sommers.

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