Staffellauf #54 von David Reiter • 05. Juni 2025

Während ich diese Zeilen schreibe, starren mich sechs große Kisten an. Darin: meine DVD- und Blu-ray-Sammlung. Zum zweiten Mal steht sie bereit für einen Umzug. Zum zweiten Mal frage ich mich: Warum nehme ich die eigentlich mit?

2025

Sie umfasst mein Leben bis 2019 in physischer Form. Jede Scheibe eine bewusste Kaufentscheidung, jedes Cover ein kleines Statement. „Das bin ich“, sagten diese Filmregale mal über mich aus. Heute fühlen sich die Stapel im Keller an wie ein Friedhof meiner früheren Identität. Denn damals war ich noch etwas anderes – ich war Sammler.

Wann wurden aus uns eigentlich Streameast*innen und aus unseren Sammlungen Relikte und reine Erinnerungsstücke? Während ich bereits seit mindestens 15 Jahren streame, wurden die Regale mit der Zeit immer leerer. Seit fünf Jahren sogar komplett frei von DVDs und Blu-rays (Bücher und Magazine haben zum Glück noch überlebt).

Mal ehrlich… wann hast Du Dir Deinen letzten Film gekauft? Ich wette, es ist schon eine Weile her. Gebraucht haben wir unsere Sammlungen zumindest seit Jahren nicht mehr – Streamingabos haben diese abgelöst.

Trotzdem kann ich mich nicht so recht trennen. Aber warum eigentlich?

Aus dem Regal in den Keller

Erinnerst Du Dich noch an die Zeit, als wir zum Spaß, nach Feierabend oder als eigenständiger Ausflug die Videothek in der Nachbarschaft besucht haben? Oder als Mediamarkt-Besuche zu kulturellen Expeditionen wurden? Ich glaube, wir waren die letzte Generation, die noch bewusst Filme auf Datenträgern gekauft hat. Nicht impulsiv, sondern mit Plan.

​Wie hat sich Deine Sammlung in den letzten Jahren verändert? Ist sie wie meine aus dem Regal in Schubladen und schließlich in den Keller gewandert?

Wir waren die letzten, die noch wussten, was es heißt, einen Film oder eine Serie zu besitzen. Ganz zu Beginn haben wir auch noch gesagt: Netflix kann uns „The Office“ wegnehmen, Amazon kann Lizenzen verlieren, Disney+ kann Inhalte in den Tresor sperren. Unsere „Blade Runner“-Blu-ray aber bleibt für immer.

​Zumindest theoretisch. Denn ein Abspielgerät steht nicht mehr fest angeschlossen unter meinem Fernseher. Die alte Playstation mit Laufwerk müsste ich erst herauskramen, um die Scheibe einwerfen zu können. Die neue Konsole läuft allein mit Downloads.

​Kurz: Meine Sammlung ist Zeugnis der Knappheit aus einer Zeit, als Filme noch etwas Besonderes waren. Als wir uns überlegen mussten: Ist mir dieser Film 15 Euro wert? (Kurz: „Na klar! Den Preis habe ich nach zweimaligem Schauen schon wieder drin.”)

​Heute streamen wir dagegen oft gedankenlos durch Millionen von Stunden Material – und vergessen viele Titel sofort wieder. Das kann nicht im Sinne des Erfinders sein! Und genau deshalb machen wir Shelfd: um die Wertschätzung für Inhalte zurückzubringen, die im Überangebot zu verschwinden droht (siehe Staffellauf #33).

Das digitale Erbe-Dilemma

Ein Gedanke, der sich an den Erhalt meiner Filmsammlung anschließt: Wie zeigen wir unseren Kindern später, wer wir mal waren? Anhand welcher Inhalte?

​Ich bin Papa einer kleinen Tochter und freue mich schon auf die ersten gemeinsamen Filmabende. Doch sie wird sich wohl kaum aktiv durch meine alten Netflix-Verläufe graben, um mir emotional näher zu kommen.

Streaming-Plattformen hinterlassen einfach keine Spuren, die die Zeit überdauern und keine Regale, die Geschichten über uns erzählen.​

Unsere physischen Sammlungen dagegen sind wie kulturelle DNA-Proben: Hier stehen „Lost in Translation“ neben „Mad Max“„Her“ neben „Stirb Langsam“. Ein wildes Sammelsurium, das mehr über uns verrät als jeder Algorithmus.

​Aber ist das noch zeitgemäß? Sollen wir wirklich versuchen, unsere Kinder durch unsere alten Lieblingsfilme zu führen, nur weil wir sie mal wichtig fanden?

​Moment mal – wie haben das eigentlich frühere Generationen gemacht? Die konnten auch nichts sammeln und haben mit ihren Kindern nur aktuelle Filme geschaut. Vielleicht ist das „Problem“ also gar keins und die Lösung liegt längst auf der Hand.

Streaming-Darwinismus

Frei nach Darwin überleben einfach nur die Inhalte, die so stark sind, dass Menschen aktiv nach ihnen suchen, sie empfehlen, über sie sprechen. Also solche Titel, die emotional was mit uns machen.

Früher überlebten Filme, weil sie physisch in unseren Regalen standen und Aufmerksamkeit erregten (oder weil nichts anderes verfügbar war). Heute müssen sie sich durch reine Qualität und kulturelle Relevanz durchkämpfen. Das ist eigentlich ein schöner Gedanke – Qualität statt Quantität.

Aber wo sind die Serien von heute, die ihren Hype überleben und später nochmal hochploppen? „Breaking Bad“ und „Lost“ schafften das, „Sex and the City“ auch. Aber bei der heutigen Flut neuer Inhalte? Die meisten verschwinden spurlos im digitalen Nirvana, weil die Leute nicht mehr immer dasselbe schauen müssen.

Die Sehnsucht nach dem Plattensammlung-Moment

Was ich an unseren alten Sammlungen vermisse, ist der Zufall. Dieses Gefühl, beim Durchstöbern auf etwas zu stoßen, was wir völlig vergessen hatten. Ein Titel, der plötzlich wieder perfekt zur aktuellen Stimmung passt.

​Algorithmen können das nicht ersetzen. Sie kennen uns zu gut und überraschen uns zu wenig. Sie zeigen uns immer mehr vom Selben, nie das Unerwartete aus unserer eigenen Vergangenheit.

​Wer kuratiert besser – die KI oder wir selbst? Ich habe da eine klare Tendenz. Menschen überraschen, Algorithmen optimieren. Menschen stellen völlig unsinnige Filme zusammen in eine Reihe, die zu wunderbaren Entdeckungen führen. (Ich gehörte dazu, als ich meine Filme einfach nur zum Spaß nach Farbe sortierte.)

2016

Sammeln für uns selbst

Okay, Butter bei die Fische. Ich werde meine Kisten nicht wegwerfen. Ich kann nicht! Nicht aus Nostalgie, sondern aus einer anderen Erkenntnis: Sammeln macht einfach Spaß – wenn man es für sich macht. Auch rückwirkend.

​Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich überlege, ob ich mir neue Lieblingsfilme nicht doch wieder physisch ins Regal stellen sollte. Als Zeichen der Wertschätzung. Ohne sie je zu schauen. Wenn ich das ausspreche, fühlt es sich dumm an – aber vielleicht ist es das gar nicht.

​Vielleicht ist es ein Akt der Rebellion gegen die Flüchtigkeit des Streamings. Ein Statement: „Das hier ist uns wichtig genug, um Platz dafür zu schaffen.“

​Verrückt? Oder gehöre ich einfach zu den Letzten einer aussterbenden Spezies?

​Wobei – ich bin trotz aller Nostalgie ein kompletter Fan des neuen Zugriffs. Der Minimalismus, die sofortige Verfügbarkeit, die Entdeckungsmöglichkeiten: Das Streaming-Zeitalter ist einfach ein Geschenk.

Der Weg nach vorn

Ich habe keine Antwort auf die Archiv-Frage im Streaming-Zeitalter. Vielleicht muss ich meiner Tochter auch nicht jeden Film von früher als Hausaufgabe aufdrücken.

​Stattdessen will ich mir die Offenheit bewahren, Neues zu entdecken. Ich habe so große Lust darauf, ihren popkulturellen Weg nachzuzeichnen und mich mit den Inhalten zu beschäftigen, die sie prägen werden. An ihrer Seite mitzufiebern und vielleicht ein paar neue Klassiker zu entdecken. Gemeinsam.

​Die Kisten kommen also weiter mit. Als Zeitkapsel einer analogen Ära, als Erinnerung daran, dass Geschichten einmal etwas kosteten – und dadurch kostbar waren. Als Beweis dafür, dass wir die letzten waren, die noch sammelten, bevor alles immer verfügbar wurde.

​Und wer weiß, vielleicht gibt es ja doch den Abend mit Internetausfall, an dem ich mich darüber freue.

Happy Streaming,
David

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