Staffellauf #1 von Arabella Wintermayr • 05. August 2021
Allein im letzten Jahr hat Netflix 73 Staffeln und 129 komplett neue Serien in sein Programm aufgenommen. Im Jahr davor veröffentlichte der Streaming-Gigant knapp 2.800 Stunden neuen Materials. Würde man sich alle Inhalte des Anbieters, die in den USA mittlerweile verfügbar sind, an einem Stück ansehen wollen, würde das über vier Jahre dauern. Toiletten-Pausen, Unterbrechungen für Schlafen oder Essen nicht mitgerechnet.
Kein Wunder, dass es uns angesichts dieser bombastischen Auswahl regelmäßig schwerfällt, eine neue Serie – oder auch nur einen neuen Film, der aufgrund seiner Kürze eigentlich ein viel geringeres Commitment darstellt – auszuwählen.
Tatsächlich ist man sich in der Wissenschaft längst einig, dass unser Gehirn mit einer zu großen Angebotsvielfalt schlicht nicht umgehen kann. Je nach Studie kommen Forscher*innen zu dem Ergebnis, dass die optimale Anzahl an Optionen zwischen 5 und 15 liegt. Sind es mehr, können unsere grauen Zellen die verschiedenen Möglichkeiten, ihre Vor- und Nachteile, nicht mehr gegeneinander abwägen und sind überfordert. Dann tritt der sogenannte „Overchoice“-Effekt, auch bekannt als „Paradoxon der Wahlmöglichkeiten“, ein: Die Lust zu entscheiden und die Bereitschaft, hinter der getroffenen Auswahl zu stehen, nehmen rapide ab.
Auf Netflix bezogen bedeutet das oftmals endloses Scrollen, das letztlich damit endet, dass wir die App frustriert wieder schließen. Nicht selten stellen wir uns dem überfordernden Auswahlprozess deswegen erst gar nicht, sondern stürzen uns stattdessen lieber in Altbekanntes, das uns weder eine langwierige Entscheidung noch ein Eingewöhnen in eine neue Serienwelt oder ein Einfühlen in neue Charaktere abverlangt.
Die Journalistin Alexis Nedd hat für dieses Verhalten den Begriff „Comfort Binge“ geprägt. Gemeint ist das Immer-Wieder-Schauen von Serien, mit denen wir längst vertraut sind und die deshalb keine besondere Aufmerksamkeit erfordern. Die Vorteile liegen auf der Hand: Sie geben uns ein Gefühl von Geborgenheit, weil uns an ihnen nichts mehr überrascht und uns die Figuren bereits so vertraut sind, dass sie sich beinahe wie Freund*innen anfühlen.
In meinem Fall eher: „Not So Comfort“-Binge
Ich kann das Phänomen also durchaus nachvollziehen – und habe mich auch selbst schon dabei ertappt, wie ich mir zum wiederholten Male alle sieben Staffeln von „Mad Men“ anschaue, immer wieder darüber staune, wie sich Don Draper von einer Eskapade zur nächsten schlängelt, und mit Peggy Olson auf ihrem schwierigen Weg von der Sekretärin zur Werbe-Expertin mitfiebere. Mit Genuss hat das „Comfort Bingen“ für mich allerdings nicht viel zu tun.
Denn da gibt es ein zweites psychologisches Phänomen, das in meinem Fall schwerer wiegt als das „Paradoxon der Wahlmöglichkeiten“. Es nennt sich „FoMo“, also „Fear of missing out“ und bezeichnet das unangenehme Gefühl, etwas zu verpassen. Oft bezieht es sich auf Partys oder andere soziale Zusammenkünfte – ich empfinde es, wenn ich meine Zeit auf bereits bekannte Filme und Serien verwende, anstatt Neues zu entdecken.
Schließlich weiß ich als in den Neunzigern in Deutschland geborene Frau mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 79 Jahren, dass mir niemals genug Zeit bleiben wird, um all die großartigen, mitunter Augen öffnenden und lebensbereichernden Produktionen zu sehen, die wöchentlich im Kino und tagtäglich auf Netflix, Prime Video, Sky, MUBI & Co. erscheinen. Von den immerhin noch überdurchschnittlichen bis ganz netten Neuerscheinungen ganz zu schweigen. Dieses „Memento Mori“-Bewusstsein hilft wiederum nicht dabei, sich mit einer Entscheidung für eine neue Serie tatsächlich wohlzufühlen, sondern erhöht den Druck zusätzlich. Ein Teufelskreis.
Das Gute ist, dass er durchbrochen werden kann, und das eigentlich recht einfach. Die goldene Regel dabei: Bloß nicht einfach den Streaming-Anbieter der Wahl öffnen, um sich dann Gedanken darüber zu machen, was man eigentlich sehen möchte. Indem man sich vorab über Neustarts informiert – sei es über Zeitungen, Podcasts oder direkt bei uns auf Shelfd – kann man die Zahl der Optionen bereits bedeutend eingrenzen, vielleicht sogar schon eine finale Auswahl treffen. Und im Idealfall zumindest kurzzeitig „Overchoice“-Effekt und „FoMo“ entkommen.
