Staffellauf #86 von David Reiter • 15. Januar 2026

Im März fliege ich erstmals nach Marokko in den Urlaub. Genauer: nach Marrakesch.

Eigentlich eine pragmatische Entscheidung: Erste Flugreise mit meiner Tochter, bevor die Kita-Eingewöhnung beginnt. Nicht zu weit weg, gutes Wetter, passendes Zeitfenster.

Aber als ich die Flüge gebucht hatte, fiel mir etwas auf.

Ich freue mich nicht einfach auf Marokko. Ich freue mich auf ein ganz bestimmtes Marokko – nämlich das aus „Only Lovers Left Alive“ (läuft derzeit bei Mubi im Abo), Jim Jarmuschs Vampir-Melo-Liebesfilm aus 2013.

Der Film spielt in Tanger, nicht in Marrakesch. Ich werde also gar nicht an den Drehort fahren. Aber das spielt keine Rolle. Denn „Only Lovers Left Alive“ hat mir eine Vorstellung von Marokko gegeben, die ich jetzt im Gepäck habe.

(c) Pandora Film Verleih

Nächtliche Gassen, Musik aus versteckten Bars, diese melancholische Atmosphäre zweier uralter Seelen, die durch die Stadt streifen. Das ist mein Marokko. Nicht von Instagram, sondern aus einem Film, den ich vor zwölf Jahren erstmals gesehen habe.

Jetzt beschäftigt mich die Frage: Wieso prägt mich ausgerechnet dieser eine Film so sehr? Oder eigentlich: Wieso prägen Filme überhaupt unsere Erwartungen an Länder und Städte – selbst, wenn wir gar nicht dorthin fahren, wo sie spielen?

Die Überschriften, die Filme uns mitgeben

Filme machen etwas Merkwürdiges mit unseren Erwartungen: Sie geben uns eine emotionale Landkarte von Orten, an denen wir nie waren oder sein werden. Oft färben sie nicht nur einzelne Städte, sondern ganze Länder und Kulturkreise ein.

Paris ist romantisch, weil wir „Midnight in Paris“ gesehen haben – egal, ob wir nach Montmartre oder ins Marais fahren. Rom ist „La Dolce Vita“, auch wenn wir nur am Bahnhof Termini rumstehen. Indien ist für viele „Slumdog Millionaire“ oder „The Best Exotic Marigold Hotel“. Japan ist Studio Ghibli, auch wenn wir nur in Osaka landen.​

Und Marokko? Für mich ist es Jim Jarmusch. Melancholisch, sinnlich, treibend.​

(c) Pandora Film Verleih

Dass der Film in Tanger spielt und ich nach Marrakesch fliege? Völlig egal. Der Vibe hat sich längst von dem konkreten Ort gelöst und auf das ganze Land übertragen.

Dabei war ich noch nie dort. Ich habe keine Ahnung, wie Marrakesch wirklich ist. Aber ich habe eine sehr genaue Vorstellung davon, wie sich Marokko anfühlen kann.

Was „Only Lovers Left Alive“ mir über Marokko erzählt (obwohl es nur Tanger zeigt)

Als ich den Film im Dezember 2013 im Kino gesehen habe, blieb nicht etwa die Handlung hängen. Zwei Vampire, Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton), jahrhundertelang verliebt, leben in Detroit und Tanger. Müde von der Welt, aber nicht von der Kunst.

Was mich daran besonders fasziniert hat, war der Zugang über Musik und Atmosphäre.

Es gibt eine Szene, die sich eingebrannt hat: Adam und Eve streifen nachts durch Tanger. Durch die engen Gassen erklingt Musik – Yasmine Hamdan singt in einer Bar „Hal“. Sie bleiben stehen, hören zu. Eve sagt: „Sie wird berühmt werden.“ Adam antwortet ihr: „Sie ist zu gut, um berühmt zu werden.“

(c) Pandora Film Verleih

Das ist alles. Aber dieser Moment hat mir eine Ahnung mitgegeben: dass Marokko ein Ort sein könnte, an dem man Musik aus Seitengassen hört. Wo sich hinter unscheinbaren Türen etwas Besonderes verbirgt. Wo die Nacht eine andere Sprache spricht als der Tag.

Diese Ahnung begleitet mich nun.

Der Vibe reist mit

Das Interessante daran: Ich brauche die konkreten Drehorte gar nicht, damit der Film wirkt.

Ich werde nicht in Tanger sein. Ich werde nicht nachts durch Gassen streifen (ich habe dann eine einjährige Tochter, die mich morgens um 05.30 Uhr aus dem Bett schmeißt). Ich werde nicht in das Café Baba gehen, in der die Szene gedreht wurde.​

Aber der Film wirkt trotzdem.

„Only Lovers Left Alive“ hat mir eine emotionale Ahnung davon gegeben, was Marokko sein könnte.

(c) Pandora Film Verleih

Instagram zeigt Orte, Filme zeigen Gefühle

In den vergangenen Tagen habe ich ein paar Marrakesch-Reels angeschaut. „Top 10 Things to Do“, 60 Sekunden voller Sehenswürdigkeiten, zackig geschnitten, Up-Beat-Mukke darüber gelegt.

Klar, das sah alles schick aus. Aber es hat mich nicht berührt.

Diese Clips zeigen Orte wie eine „Doku“ auf Sonnenklar.tv. Alles schreit Dauerwerbesendung: schnell, oberflächlich, austauschbar. Sie sagen dir, was du sehen sollst, aber nicht, wie es sich anfühlen könnte.

Reels laden nicht zum Träumen ein!

„Only Lovers Left Alive" dagegen ist über zwei Stunden andauernde Poesie. Es passiert wenig. Zwei Vampire reden über Musik, über die Vergänglichkeit der Dinge, über ihre Liebe. Aber diese zwei Stunden haben sich eingebrannt.

Die Instagram-Reels? Vergessen mit dem nächsten Swipe.

Das ist die Macht von guten Filmen: Sie konservieren nicht Orte, sondern Gefühle, die diese Orte in einem auslösen könnten.

Die Realität wird anders sein – und das ist okay

Natürlich weiß ich, dass Marrakesch nicht wie Jarmuschs Tanger sein wird. Wahrscheinlich ist alles ganz anders.​

Aber ehrlich? Das stört mich nicht.​

Die Projektion ist Teil der Reise. Die Erwartung macht die Vorfreude aus.

Denn was Filme mir geben, ist keine Checkliste von Sehenswürdigkeiten. Es ist eine Haltung. Eine Art, Orte wahrzunehmen. Eine Offenheit für bestimmte Stimmungen.​

(c) Pandora Film Verleih

Wenn ich durch Marrakesch laufe, werde ich wahrscheinlich anders hinschauen, als wenn ich den Film nie gesehen hätte. Vielleicht höre ich Musik aus einer Seitengasse und bleibe stehen. Und in diesem Moment wird der Film wieder da sein – nicht als Kopie, sondern als Echo.

Vielleicht finde ich genau den Vibe, den der Film versprochen hat. Vielleicht auch nicht. Aber die Suche danach ist schon Teil des Erlebnisses.

Was ich weiß

Ich freue mich darauf, meiner Frau den Film zu zeigen – einen meiner Lieblinge, den sie noch nie gesehen hat. Und dann, im März, durch Marrakesch zu laufen und zu schauen, ob Erwartung und Wirklichkeit sich irgendwo begegnen.

Vielleicht ist das der beste Weg, Orte zu entdecken: Mit einem Film im Gepäck, der einem eine Ahnung gibt, aber die Realität offen lässt.

Nicht als Reiseführer, sondern als emotionaler Kompass.

Die Frage an euch

💬 🍿 Weiter geht's in der Shelfd Streaming-Community:

  • Welche Filme haben euch Erwartungen an Länder gegeben, die immer noch nachhallen? Oder kennt ihr das auch, dass ein Film eure gesamte Sicht auf eine Gegend geprägt hat?
  • Gibt es einen Film, der euch einen Ort gezeigt hat – und als ihr dort wart, war alles ganz anders? Oder genauso?

Bringt euch mit ein in die Diskussion.

Happy Streaming,
David

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