Staffellauf #5 von Arabella Wintermayr • 02. September 2021
Im Vergleich zum Gang ins (Programm-)Kino, dem Lesen oder gar zu einem Besuch im Museum gilt das Streamen von Filmen und Serien auf dem heimischen Sofa als nicht gerade anspruchsvolle Beschäftigung. Wie viel die Eigenproduktionen von Netflix, Amazon Prime und vergleichbaren Anbietern letztlich mit Kunst zu tun haben, haben wir bereits in einer anderen Ausgabe dieser Kolumne erörtert. In der Feststellung, dass Streaming nicht gerade als kulturell wertvolle Aktivität angesehen wird, schwingt allerdings ein Vorurteil mit, auf das es sich ebenfalls lohnt, einzugehen: Nämlich das, dass Streamen eher zur Verblödung, zumindest aber zur Abstumpfung, jedenfalls nicht zur eigenen Bildung beitragen würde.
Dass diese Vorstellung existiert, hat vermutlich vor allem mit der ungesunden Art und Weise des Konsums zu tun, mit der man vor allem das Streamen von Serien assoziiert: Schnell hintereinander weg, ohne den einzelnen Episoden besondere Aufmerksamkeit zu widmen – im schlimmsten Fall reduziert man die Produktionen sogar auf eine sanfte Berieselung für nebenbei. Auch das Gesehene selbst wird oft als bloße Unterhaltung ohne jeglichen Tiefgang und damit als pure Zeitverschwendung abgetan.
Grundsätzlich gegen dieses Ressentiment zu argumentieren, ist nicht meine Absicht. Denn dass es existiert, hat nun mal seine Gründe: Die meisten von uns dürften sich schon einmal dabei ertappt haben, wie sie Folge um Folge als angenehmes Hintergrundrauschen weiterlaufen ließen. Und dass Netflix genug „Content“ zur Verfügung stellt, der sich einwandfrei zu einem solchen degradieren lässt oder sogar von vornherein als nicht mehr als das geplant war, steht nun wirklich außer Frage.
Von trivialem bis gesellschaftlich relevantem Wissen
Und dennoch stelle ich fest, dass ich beim Streamen schon vieles gelernt habe. Wenn ich schon nicht durch die gesehenen Filme und Serien selbst Erkenntnisse gewinne, dann regen doch, zumindest die halbwegs gelungenen, einen Gedanken- und regelmäßig sogar auch einen ausgiebigen Rechercheprozess an. Um es – sehr frei – mit Goethes „Faust“ zu sagen: Zwar stream‘ ich viel, doch möcht‘ ich alles wissen.
Zugegeben: Die Felder, auf die sich mein Interesse dabei erstreckt, sind breit gefächert. Mal habe ich triviales biographisches Wissen über Regisseur Sam Levinson erlangt, als ich versucht habe, herauszufinden, ob sich die titelgebenden Hauptfiguren in „Malcolm & Marie“ im Film über eine negative Kritik mokieren, die besagter Regisseur im echten Leben tatsächlich von der „Los Angeles Times“ bekommen hat (höchstwahrscheinlich). In die gleiche Rubrik fallen Kenntnisse über die Eckdaten des Lebens von Modedesigner Gianni Versace, dessen Ermordung in der zweiten Staffel der Anthologie-Serie „American Crime Story“ beleuchtet wird.
Auf Anne Lister, die im frühen 19. Jahrhundert minutiös über Alltag, Gesellschaft und ihre Liebschaften im englischen Halifax Tagebuch führte und heute als erste moderne Lesbe gilt, wäre ich ohne die Serie „Gentleman Jack“ wahrscheinlich gar nicht erst aufmerksam geworden. Ohne die charismatische Darstellung derselben durch Suranne Jones, hätte ich mich wiederum niemals dazu inspiriert gefühlt, mich ausgiebiger mit ihren ausschweifenden Aufzeichnungen zu beschäftigen.
Bei derartigem Nischenwissen bleibt es in vielen Fällen jedoch nicht: Mindestens genauso oft motivieren mich Streaming-Inhalte dazu, mich intensiver mit gesellschaftspolitisch Relevantem auseinanderzusetzen. Ramin Bahranis „Der weiße Tiger“ hat mich dazu veranlasst, mehr über das indische Kastensystem in Erfahrung zu bringen, während mich „One Night in Miami“ und „Ma Rainey’s Black Bottom“ zusätzlich anspornten, mich ausführlicher mit dem Wirken bedeutender Schwarzer Persönlichkeiten zu beschäftigen. Und wirklich kein Genre bringt einen eher dazu, sich über scheinbar gar nicht mal so abseitige Gedankenexperimente zu erkundigen, als Sci-Fi. Erst durch „Snowpiercer“ bin ich auf „Geo-Engineering“ – also tatsächlich existierende Forschung zu chemischen und technischen Maßnahmen, die die Erde zum Abkühlen bringen sollen – aufmerksam geworden.
Streaming macht wissbegierig
Damit, dass Streaming mich regelmäßig zu ausgiebigen Recherchen ermutigt, bin ich auch gar nicht allein. In einer Shelfd Umfrage zum Medienkonsum aus dem Jahr 2019, an der 378 Personen teilnahmen, gaben 41 Prozent der Befragten an, zumindest hin und wieder während oder nach dem Streamen weiter nachzuforschen. Weitere 43 Prozent tun dies sogar öfter – 15 Prozent davon sogar immer.
Auch unter ihnen sind die Interessensgebiete weit gestreut: Rund die Hälfte möchte sich über den Cast und die Crew informieren, etwas mehr interessieren sich für die historischen Hintergründe zum Titel, den sie gerade streamen und über zwei Drittel spüren Verständnisfragen nach.
Von Verblödung kann per se also nicht die Rede sein. Letztlich verhält es sich beim Streaming wohl so, wie bei anderen kulturellen Aktivitäten auch: Es kommt darauf an, was man mit dem Gesehenen macht.
