Staffellauf #98 von David Reiter • 17. April 2026

Leyas jüngster Staffellauf hat mich (und offensichtlich auch Althea in der vergangenen Woche) nicht losgelassen. Sie schrieb darüber, wie sie nach einem Serienabend ins Leere läuft – niemand im Umfeld kennt die Serie, die sie gerade verschlingt und vice versa. Ihr Fazit: Wir streamen alle in unseren eigenen Bubbles. Der gemeinsame Diskurs bleibt aus.

Ich habe den Text gelesen, genickt und übernehme den Staffelstab – denn ich kenne das Gefühl so gut, dass ich irgendwann aufgehört habe, es zu hinterfragen. Doch dabei will ich es nicht belassen. Vielmehr interessiert mich, ob sich unser Gefühl der Zersplitterung des Streamings durch öffentliche Zahlen belegen lässt. Erhebt das irgendwer?

Die falsche Erfolgsmetrik

Als erstes stoße ich auf eine Zahl, die Netflix selbst in seinem Engagement Report für das zweite Halbjahr 2024 veröffentlicht hat. Fast beiläufig und als wäre es ein Qualitätsmerkmal, heißt es dort: Kein einziger Titel macht mehr als 1% der gesamten Sehdauer auf der Plattform aus. Nicht einmal Staffel 2 von „Squid Game“ – der größte Streaming-Hit des Jahres. Er kam gerade Mal auf 0,7%.

Krass! Das finde ich verdammt wenig für den Überhit. Andererseits wird Netflix’ Katalog auch nicht mehr kleiner und so im Gesamtanteil aller Inhalte ist das vielleicht doch schon wieder viel.

Moment mal, was will uns diese Zahl überhaupt sagen?!

94 Milliarden Stunden. So viel haben Netflix-Abonnement*innen im zweiten Halbjahr 2024 insgesamt geschaut. Ein paar hundert Millionen Stunden davon entfielen auf die neue Staffel von „Squid Game“, akkumuliert über Wochen und Monate und verteilt auf alle Zeitzonen der Welt.

Die Gesamt-Sehdauer ist, in Erfolgskennzahlen gesprochen, herrlich unpräzise und irgendein Wert.

Sie sagt nichts darüber aus, wie beliebt der Inhalt an sich ist (lange Folgen sorgen für mehr Sehdauer). Sie hilft nicht dabei, die Menge an Menschen zu beziffern, die diese Serie zur gleichen Zeit gesehen hat.

Denn akkumuliert ist nicht gemeinsam. Und ich suche nach Gleichzeitigkeit.

Selbst die viel zitierten Milliarden Stunden erzählen eine seltsame Geschichte: Fast die Hälfte davon entfiel auf Titel, die 2023 oder früher erschienen sind. Wir entdecken also gar nicht gemeinsam Neues – wir kehren alleine zu Altem zurück.

Mich interessiert vielmehr: Wie viele Menschen haben in der ersten Woche nach Erscheinen eingeschaltet und wie viele nach einem Monat? Wie viele haben den Cliffhanger nach Folge 3 ausgehalten und wie viele haben ihn sofort aufgelöst?

Diese Zahlen gibt es nicht, denn Netflix publiziert sie nicht. Kein Streamingdienst tut das.

Mir dämmert, ich suche nach etwas, das schlicht nicht existiert.

Das war mal anders

Im linearen TV gab und gibt es die Einschaltquote. Sie ist alles andere als perfekt – gerade mal irgendwas um die 5.000 Geräte stehen in Deutschland verteilt und messen sekundengenau, wer im Haushalt wohin zappt. Die Dinger sind alles andere als repräsentativ verteilt, was man so hört. Trotzdem entsteht daraus eine vielsagende Hochrechnung für 83,5 Millionen Menschen in Deutschland.

Methodisch angreifbar, ja. Aber sie maß das Richtige: Wie viele Menschen schauen gerade dasselbe?

Tatort: 13 Millionen. Das WM-Spiel: 22 Millionen. Die Stefan-Raab-Show: 0,89 Millionen.

Diese Zahlen erzeugen eine sofortige Vergleichbarkeit und dienen als Grundlage für die Programmplanung und Werbevermarktung. Aber noch viel wichtiger: Sie stehen für ein Gefühl von Gemeinschaft, das keine hochgerechnete Stundensumme ersetzen kann.

Dabei wäre heute eine ähnliche Messung technisch trivial. Jeder Streamingdienst weiß auf die Sekunde genau, wer gerade was schaut. Die Infrastruktur für eine Echtzeit-Einschaltquote existiert – mindestens pro Plattform. Und sie wäre präziser als alles, was die Fernsehforschung je hervorgebracht hat.

Aber niemand publiziert sie.

Und wenn ich kurz nachdenke, warum, dann beantwortet sich die Frage von selbst. Was würde diese Zahl zeigen? Dass selbst „Adolescence“, der vielleicht letzte echte kulturelle Lagerfeuermoment der jüngeren Zeit für Netflix, an keinem einzelnen Abend mehr als ein paar Millionen Menschen gleichzeitig vor dem Bildschirm versammelt hat. Weltweit.

Zwei Menschen, eine Wohnung, zwei Abende

Vor ein paar Tagen erzählte ich meinem Nachbarn von meinem jüngsten Urlaub – inklusive Wanderung in den Bergen des Atlas-Gebirges, einem schmalen Pfad entlang einer Klippe und meiner Höhenangst. Seine Antwort darauf war der Film „Fall“ auf Netflix. Ein klaustrophobischer Höhen-Thriller und Streamingtipp für mich.

Ich dachte: Hat der Mann mir nicht zugehört???

Aber dann kam der interessantere Teil für diese Kolumne: Seine Frau hatte auch keine Lust auf den Film. Er hat ihn allein geschaut und würde ihm mit 7 von 10 Punkten geben. Bei IMDb liegt er aktuell bei einer Bewertung von 6,4 Punkten.

Ein anderer Freund zog sich neulich mit dem Laptop ins Schlafzimmer zurück, um mit mir zu quatschen, während seine Freundin im Wohnzimmer Handball schaute. In beiden Fällen: Zwei Menschen, eine Wohnung und zwei komplett voneinander getrennte Abende.

Niemand hat das als Problem bezeichnet. Alle fanden es normal.

Lagerfeuermomente

Wenn ich das alles zusammendenke – die Zahlen, die ungenaue Metrik, meinen Nachbar und meinen Freund – merke ich, dass hinter meiner anfänglichen Beobachtung mehr steckt als Nostalgie.

„24“, „Lost“, „Sex and the City“. Diese Serien gehörten irgendwie allen. Nicht weil sie objektiv besser waren. Sondern weil die Auswahl begrenzt war und die Gleichzeitigkeit erzwungen wurde. Das Lagerfeuer war kein kulturelles Wunder – es war ein Infrastrukturprodukt.

Jetzt haben wir unbegrenzte Auswahl und damit fast zwangsläufig immer weniger Überschneidungen. Vielleicht ist das der faire Tausch: Mehr Freiheit gegen weniger Gemeinschaft, mehr Qualität im individuellen Erlebnis gegen weniger geteilte Referenzpunkte.

Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich die Gleichzeitigkeit. Ich frage darum immer seltener: „Was schaut ihr gerade?“, weil ich weiß, dass uns die Antwort meistens nirgendwo hin führt.

Ich habe für mich eine kleine Konsequenz gezogen.

Ich nehme mir nämlich wieder vor, öfter Empfehlungen zu folgen – nicht weil sie perfekt zu meiner Stimmung passen, sondern weil sie ein Gespräch ermöglichen. Mein Kumpel Max hat mir Staffel 3 von „Shrinking“ bei Apple TV empfohlen. Also fange ich jetzt an. Damit wir beim nächsten Gespräch nicht nur über den Trailer sprechen, sondern darüber, was die Serie mit uns gemacht hat.

Ein kleines Glutnest lodert noch, solange wir es beschützen.

Die Frage an euch

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Happy Streaming,
David

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